Ausstellung
Ellen Auerbach „Fotografien 1930 – 1959“, Oktober 2010.
Von Michaela Nolte
Zwei Olivenbäume beim Tanz, ein subtil erotischer Rückenakt im „Schwefelbad“,
solide Treppenstufen in graphisch bizarrem Licht- und Schattenspiel.
Die liebsten Bilder waren Ellen Auerbach diejenigen, die das ‚dritte Auge’
eingefangen hat.
Der Anfang ihrer Karriere ließ jedoch auf ganz andere Wege schließen.
1906 in eine jüdisch-bürgerliche Familie in Karlsruhe geboren, studierte
Ellen Auerbach zunächst Bildhauerei und ging 1929 nach Berlin zu Walter
Peterhans, bei dem sie das „photographische Sehen“ lernte. Als Peterhans
dem Ruf ans Bauhaus folgte, gründete Auerbach gemeinsam mit Grete Stern
das legendäre Fotostudio ringl + pit.
Das Duo experimentiert im Stil des „Neuen Sehens“, avantgardistische
Portrait- und Werbeaufnahmen entstehen. Als sie 1933 mit einer Fotografie
für ein Haarfärbemittel der Firma Komol den ersten Preis bei der Exposition
Internationale de la Photographie et du Cinema in Brüssel gewinnen, sind die
Nazis bereits an der Macht. Grete Stern flieht nach London, Ellen Auerbach
über Palästina und London nach New York, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2004 lebte.
Die Erfahrung der Emigration mit ihren verschiedenen Stationen veränderte
Auerbachs Stil von der Neuen Sachlichkeit zu ihren individualistischen
„Momentfotografien“, über die sie rückblickend sagte: „Sie sollen in
einer realistischen Art etwas zeigen, was dem realistischen Auge eher unsehbar bleibt.“
Gezeigt werden rund 40 Vintageprints aus einer Münchener Privatsammlung
und das 1993 von Ellen Auerbach zusammengestellte Portfolio, darunter
Ikonen wie das 1950 entstandene „Schwefelbad“, „Eckstein mit Lippenstift“
von 1930 und Portraits von Künstlerfreunden wie Willem de Kooning oder Eliot Porter.
Rede zur Ausstellungseröffnung
Ellen Auerbach „Fotografien 1930 – 1959“, am 16. Oktober 2010.
Von Michaela Nolte
Sehr geehrte Damen und Herren!
Erlauben Sie mir, mit Philemon und Baucis zu beginnen. Dem alten und armen Menschen-Paar, das zwei Fremden Unterkunft gewährte, während alle Nachbarn ihre Türen verschlossen hielten. Einer der Fremden gibt sich als Zeus zu erkennen, als er nämlich den Weinkrug beim bescheidenen Mahl wie von Zauberhand immer wieder füllt. Als Dank für die Gastfreundschaft gewährt der Göttervater den Sterblichen einen Wunsch. Philemon und Baucis wünschen sich nichts sehnlicher, als dass keiner von ihnen den Geliebten sterben sehen muss. Als der Zeitpunkt gekommen ist, werden sie im selben Moment in zwei Bäume verwandelt. So erzählt es Ovid in seinen „Metamorphosen“.
Ellen Auerbach scheint Philemon und Baucis begegnet zu sein. 1959 auf Mallorca. Aber anders als wir es aus der Überlieferung kennen, nicht als in sich ruhende, anthropomorphe Baum-Skulpturen, sondern als „Tanzende Bäume“.
Als eine Art Metamorphose, als beständige Verwandlung und Umgestaltung muss sich das Leben über weite Strecken auch für Ellen Auerbach dargestellt haben, zumindest bis in die 1960er-Jahre. Als sie die „Tanzenden Bäume“ 1959 entdeckt, nähert sie sich bereits dem Ende ihrer aktiven Laufbahn als Fotografin. 1965 legt sie die Kamera beiseite und arbeitet fortan als Erziehungstherapeutin mit Kindern. Noch so eine Verwandlung. Ihre letzte, wenigstens beruflich. Ellen Auberbach hat das wie folgt ausgedrückt: „Die vielen Wechsel und Veränderungen in meinem Leben, all die Neuanfänge, sind für mich jetzt, am Ende meines Lebens, Ausdruck einer Suche nach etwas anderem. Etwas, was hinter den Dingen steht …“
Doch beginnen wir von vorn. 1906 wird Ellen Rosenberg in Karlsruhe in eine jüdisch-liberale Familie geboren. Sie studiert Bildhauerei in Karlsruhe und Stuttgart, bekommt in dieser Zeit von ihrem Onkel eine Kamera geschenkt und geht 1929 nach Berlin zu Walter Peterhans. Bei ihm hat sie laut eigener Aussage das „fotografische Sehen“ erlernt. Als Peterhans 1930 dem Ruf ans Bauhaus folgt - das zu dieser Zeit bereits nach Dessau übergesiedelt war - gründet Ellen Auerbach gemeinsam mit ihrer Mitschülerin Grete Stern das Fotostudio ringl + pit. Zwei Fotografien zeigen „Ringl mit Brille“, 1929 fotografiert von Ellen Auerbach und „Pit mit Schleier“ in einer Aufnahme von Grete Stern aus dem Jahre 1931. „Es waren außerordentliche Zeiten, in denen wir mit unserer Arbeit anfingen, und sie haben uns einfach mitgerissen“, so Auerbach 1998. Die Avantgarde-Fotografie, das „Neue Sehen“, die erste Hochzeit der modernen Magazine und Zeitschriften und das sich wandelnde Frauenbild, die „Neue Frau“ der 20er-Jahre bilden fruchtbare Synergien für diese junge Arbeits- und Lebensgemeinschaft.
Mit den experimentellen, bisweilen poetischen, aber auch frechen und humorvollen Aufnahmen avanciert ringl + pit in kurzer Zeit zum erfolgreichen Fotostudio. Mit dem „Handschuh“, der sich in ein Mischwesen aus Hut, Krake und Flugobjekt verwandelt, mit zahlreichen Portraits oder Inszenierungen - unter anderem mit der Tänzerin Claire Eckstein, die sich als „Eckstein mit Lippenstift“ ins Unendliche spiegelt - und nicht zuletzt mit Werbefotografien wie „Pétrole Hahn“, wo eine Puppe für das Haarwasser wirbt, das Fläschchen bei genauem Betrachten allerdings von einer etwas gespenstischen Menschenhand gehalten wird. Oder für „Komol“, wo das weibliche Antlitz nur noch ein Schattenriss ist und Kunsthaarteile auf das Haarfärbemittel verweisen. Die Aufnahme, mit der ringl + pit 1933 in Brüssel bei der Exposition Internationale de la Photographie et du Cinema den ersten Preis gewinnen. Ein sicheres Sprungbrett für eine internationale Karriere. Wären da nicht die politischen Verhältnisse in Deutschland gewesen.
Ellen Auerbach und Grete Stern haben die Bedrohung und die aufziehende Katastrophe früh gespürt. Als in Brüssel die Preisverleihung stattfinden sollte, sind sie bereits auf der Flucht. Grete Stern emigriert zunächst nach London und später nach Argentinien, Ellen Rosenberg emigriert mit Walter Auerbach, den sie 1937 heiratet, nach Palästina. Auf dem Weg dorthin entsteht die Aufnahme „Hafen in Alexandria“. Der Fokus richtet sich nicht auf die Weite der Mittelmeerküste, sondern auf einen Platz mit zwei führerlosen Pferdekutschen, zwei Automobilen und wenigen Menschen. Nicht weniger melancholisch wirken die beiden Fotografien auf dem „Weg nach Jerusalem“. Wer schon einmal die Judäischen Berge bereist hat, weiß, dass der Blick spektakulärer hätte ausfallen können.
Tatsächlich hat sich Ellen Auerbach mit dem Leben im „Land der Verheißung“ nicht anfreunden können. Dennoch sind dort so wunderbare Aufnahmen entstanden wie die rätselhaften „Stufen, Ain Karim“. Mit ihrem grafisch bizarren Licht- und Schattenspiel erinnern sie ein Stück weit an die Zeit des expressionistischen Films und weisen zugleich die klare, geometrische Linienführung des „Neuen Sehens“ auf. In Tel Aviv versucht Ellen Auerbach ein Kinder-Portrait-Studio zu etablieren, das jedoch1935 nach dem Ausbruch des Abbessinischen Kriegs aufgelöst wird.
1936 zieht es sie zurück nach Europa. In London, wo die Freundin Grete Stern lebt, entstehen die „Slums“ und die Portraits von Berthold Brecht, den Ellen Auerbach auf der oberen Fotografie mit einer Glühbirne festhält. Als Zeichen seiner „Erleuchtung“ wie sie gerne betont hat. Sie muss ihn nicht besonders geschätzt haben. Im Prestel-Lexikon der Fotografen habe ich am Ende des Artikels über Ellen Auerbach die folgende Bemerkung gefunden: „Auerbach drehte auch mehrere 16-mm-Kurzfilme, unter anderem über Berthold Brecht und das Verhalten von Säuglingen.“ Das hätte ihr vielleicht gefallen.
London hätte eine neue Heimat werden können, doch die englischen Behörden verweigern die Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. 1937 emigrieren Ellen und Walter Auerbach in die USA. Leben zunächst in Philadelphia und ab 1944 in New York, wo (allerdings vor der Übersiedelung) um 1937 die „Statue of Liberty“ entstand. Auffallend ist, dass es wieder nicht das Große, Weite oder Spektakuläre ist, das Ellen Auerbach mit ihrer Kamera fokussiert, sondern das scheinbar Nebensächliche und Unspektakuläre. Kuriositäten des Alltags wie in „Statue of Liberty“, Aufnahmen von Freunden wie Willem de Kooning oder die hinreißenden Inszenierungen mit der Tänzerin Renate Schottelius auf einem Dach in New York oder auf einer gemeinsamen Reise in Argentinien.
Daneben arbeitet Ellen Auerbach für verschiedene amerikanische Magazine. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Aussage, die Auerbach in dem Film „Das 3. Auge“ gegenüber dem Regisseur Frieder Schlaich macht: „Time Magazine hat mir manchmal Aufträge gegeben für Leute, die mit den gröberen Journalisten nicht zurecht kamen.“ Diese Grobheit im heute noch rauen Geschäft des Fotojournalismus – hat Ellen Auerbach sicher nicht gelegen.
Viele ihrer Foto-Serien entstehen auf diversen Reisen. Immer wieder nach Maine, wo die Familie von Elliot und Fairfield Porter ein Haus hatte, und wo Fotografien wie die „Küche“ entstanden sind, das zauberhafte Bild der Porter-Kinder auf dem Felsen, die „Kormorane“ oder die „Möwe“. Eine weitere wichtige Reisestation ist Big Sur in Kalifornien – wo die eindrückliche ‚Spaziergängerin im Nebel’ entstand und der Rückenakt im „Schwefelbad“, mit dem Ellen Auerbach Fotografiegeschichte geschrieben hat.
Neben Reisen nach Chile und Argentinien sind noch die Portraits und Fotografien von Kirchen zu erwähnen, die auf einer Mexiko-Reise mit Elliot Porter entstanden sind und von denen sich eines in dem Portfolio findet, das Ellen Auerbach 1992 mit zwölf ihrer persönlichen ‚Favorites’ zusammengestellt hat. Elliot Porter hat Auerbach übrigens hier auf ihre sehr eigene Weise in New York City portraitiert.
Bleiben noch die Reisen nach Mallorca. Walter Auerbach, den man in einer frühen Aufnahme von Grete Stern als „Pit und Lachs auf Rügen“ sehen kann, lebte nach der Trennung 1945 auf der Balearen-Insel, wo Ellen Auerbach unter anderem die eingangs erwähnten „Tanzenden Bäume“ fotografierte – übrigens eine der wenigen eigenen Fotografien, die in ihrer Wohnung hingen und über die sie rückblickend sagte: „Da bin ich den ganzen Nachmittag in diesem kleinen Olivenhain rumgelaufen und habe gewusst, da ist was, aber ich habe es nicht gesehen. Und habe eigentlich nur so, pro forma, ein Bild aufgenommen. Ich war überzeugt, nichts ist daraus geworden. Und dann habe ich es im Negativ eigentlich schon erkannt, dass es ein sehr schönes Bild ist. Und da sage ich dann also, dass das durch mich durchphotographiert worden ist, von dem Teil von mir, der viel besser photographieren würde, wenn er immer die Oberhand hätte. Ich kann es auch manchmal das dritte Auge nennen.“
Dieses ‚dritte Auge’ ist vergleichbar mit dem, was Roland Barthes in „Die Helle Kammer“ als punctum beschreibt: „punctum, das meint auch: Stich, kleines Loch, kleiner Fleck, kleiner Schnitt - und Wurf der Würfel. Das punctum einer Photographie, das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft).“
Die Wiederentdeckung Ellen Auerbachs in den 70er-Jahren und den späten Ruhm hat sie mit bisweilen kindlichem Erstaunen und großer Gelassenheit genommen. Mitte der 60er-Jahre schien sie - die sich selbst als „ganz unzureichende Weltbürgerin“ bezeichnete - ein Stück weit in New York angekommen zu sein und fand für die folgenden zwei Jahrzehnte eine neue Erfüllung als Kindertherapeutin.
Wie sehr ihr Herz dennoch für die Fotografie geschlagen hat, belegt zum einen, dass sie ihren Nachlass der Berliner Akademie der Künste vermacht hat, und zum anderen dass Ellen Auerbach, die bis zu ihrem Tod im Jahr 2004 recht bescheiden in einer kleinen Wohnung in Manhattan lebte, ihr Vermögen für ein Stipendium gestiftet hat, mit dem die Akademie der Künste heutzutage Nachwuchsfotografen fördern kann.
Lassen Sie mich zum Abschluss noch einen kurzen Blick ins Kabinett werfen, wo die Arbeiten von Walther Grunwald eine Verbindung zu Ellen Auerbach nicht nur über die Schwarzweißfotografie herstellen, sondern auch einige Parallelen im Blick und in der Komposition aufweisen.
Mit Corinna Rosteck eine junge Position vertreten ist, die sich im punctum mit Ellen Auerbach trifft. Weil der Zufall auch bei einer Ausstellung ein schöner Gestalter ist, gibt es eine Figur in Rostecks Tanzserie „inthesky“, die an die Statue erinnert, die Ellen Auerbach 1953 in Eleusis eingefangen hat.
Last but not least Ulrike Lauber mit ihrem Blick für außergewöhnliche Strukturen und der persönlichen Verbindung zu Ellen Auerbach, über die sie zur Finissage am 20. November erzählen wird.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.