Die Bildwelt von Evelyn Garden ist eine abstrakte - und schon darin für den Betrachter auf stets
anregende Weise geheimnisvoll.
Wenn die Künstlerin hin und wieder Worte, Fundstücke aus Zeitschriften,
Fotos oder Skizzen wie zufällig in ihre Bilder streut, so nicht um das Gemalte zu konkretisieren oder
um uns mit Begriffen über die Inhalte aufzuklären.
Gerade das Gegenteil passiert: die kleinen Zeichen und auch die Worte legen sich wie Schleier um das,
was wir sehen oder zu entziffern glauben.
Ganz gleich ob diese Bildelemente, die dem Bild ja eigentlich fremd sind, lesbar bleiben, ob sie
partiell unter einer blauen Farbwolke verschwinden, in weißen Schichten sich auflösen oder aber
aus pflanzenartigen Strukturen auf- und wieder untertauchen - jeglichen Sinn, an dem unser Verstand
sich festhalten möchte, heben sie auf.
"Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück", heißt es bei Karl Kraus.
Das gilt bei Evelyn Garden nicht nur für die Worte, sondern vor allem für ihre Bilder.
Sie verrätseln, bleiben Geheimnis. Liguria, my secret garden und Lehnin lesen wir da auf einem der Bilder.
Aber was ist das für ein geheimer Garten?
Eine Erklärung könnte man vordergründig in persönlichen Motiven der Künstlerin
wähnen.
In Ligurien lebt und arbeitet sie einen Teil des Jahres, in Lehnin hatte sie ein Gastatelier.
Viel spannender aber sind die Brücken, die Evelyn Garden uns mit ihren Bildern baut.
Die Pfade, auf denen wir uns in Gedanken auf die Reise zwischen diesen Orten begeben.
Wie sieht die Landschaft aus, die sich da auftut - zwischen der norditalienischen Berg- und
Küsten-Landschaft Liguriens und dem kleinen, brandenburgischen Städtchen Lehnin?
Und was für ein enormer Garten liegt dazwischen?
Was sind das für Wesen, die ihn bevölkern?
Auf dem Weg leiten uns die Farben. An ihnen entlang verläuft das Sehen und das Denken.
Aus und zwischen den Farb-Ballungen entstehen sukzessive Momente, die Landschaft assoziieren lassen.
Das rot lodernde Kolorit und die feinnervigen Lineaturen ziehen ihre Spuren und tragen uns davon.
Erzählen vom Wind, der die Farbinseln aufsteigen lässt oder sie zersaust, so wie er die Blumen bewegt
und ihre Samen durch die Lüfte wirbelt.
Amorphe Gefilde, Formen und Gestalten, die - kaum ins Blickfeld gerückt, weiterziehen und so die Fläche
der Leinwand als Handlungsfeld wieder neu ausbreiten und über ihre Grenzen hinausweisen.
Der spontane Malakt auf der einen und das bewusste Akzentuieren des Zufalls auf anderen Seite bilden
mit den dynamischen Zentren und den flirrenden, fließenden Linien die Umrisse und die Fährten zwischen
Idyll und Urbanität. Zwischen diesen Polen beginnt das Auge zu taumeln, gerät unsere Wahrnehmung ins Wanken.
In der Grenzenlosigkeit der Bilder ahnen wir etwas von dem geheimen Garten. Kein "Hortus conclusus",
der von Mauern umschlossen ist, aber auch kein Paradiesgarten. Denn "das Paradies ist verriegelt und
der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten
irgendwo wieder offen ist", schreibt Heinrich von Kleist in seinem Essay "Über das Marionettentheater".
Evelyn Gardens Bilder bieten kleine Schlupflöcher des Sehens; ob sich auf dieser Reise unberührte
Landstriche eröffnen oder aber urbane Simultaneität lärmt, lassen sie in der Schwebe.
Die Idylle und Freude, die die leuchtende Farbigkeit und der schwungvolle Duktus anstimmen, kann in
jedem Moment kippen und unsere trügerische Sehnsucht nach elysischen Gefilden konterkarieren.
Exakt in dieser Spanne manifestiert sich die Malerei Evelyn Gardens: zwischen dem Chaos der Gefühle und
der Ordnung der Gestaltung. Das eigentliche Bild hat keinen festen Ort; als Ereignis der Gegenwart, als
Ereignis der Wirklichkeit vermag es immer wieder neu zu entstehen.
In der expressiven Dynamik und dem steten Wechsel der Ebenen zeigt sich die Natur als abstrakter,
ereignishafter Prozess, der längst nicht mehr nur dem Natürlichen unterliegt. In seiner Einleitung
zur Worpswede Monographie schreibt Rainer Maria Rilke: "Wir sind gewohnt, mit Gestalten zu rechnen,
- und die Landschaft hat keine Gestalt, wir sind gewohnt aus Bewegungen auf Willensakte zu schließen,
und die Landschaft will nicht, wenn sie sich bewegt. Die Wasser gehen und in ihnen schwanken und zittern
die Bilder der Dinge."
Rilkes Zeilen stammen von 1903. Seither ist die Gewissheit eines sicher geglaubten, natürlichen Umfelds
gewichen, in der Realität wie auch in der Kunst. Nicht erst seit Piet Mondrian wissen wir, dass eine
Waagerechte einen Horizont und eine Senkrechte einen Gegenstand darstellen kann. Schon Sandro Botticelli
sagte, man brauche nur einen Schwamm, der mit verschiedenen Farben getränkt ist, an die Wand zu werfen,
und der lasse dort einen Fleck zurück, in dem man eine schöne Landschaft erblicke.
Dennoch erscheinen Evelyn Gardens Bilder wie eine Projektionsfläche von Rilkes "Wassern".
An ihren Oberflächen schwanken und zittern die Erscheinungen, und öffnen somit unseren Blick für das
darunter Liegende; für Fragen, Zweifel, Suche - Worte, die wir in den Bildern finden. Worte, mit denen
gemeinhin eher dunkle Stimmungen, dunkle Farben verbunden sind. Gardens Farbpalette steht zu derlei
Assoziationen in vehementem Kontrast. Ihre Farben leuchten, vermitteln Helligkeit und der Duktus versprüht
Lebendigkeit und Energie. Mithin Verweise auf die Kraft spendende Wirkung des Fragens, des Zweifelns oder
der Suche.
Was wir in den Bildern entdecken, bleibt unserem Temperament überlassen. Evelyn Gardens "Geheimer Garten"
bewahrt sein Geheimnis. Aber eben das ist ja das Schöne an ihm.