Bei Walther Grunwalds Fotos, die er zur Werkgruppe »Abschied entgleitend«
zusammengestellt hat, kann zunächst einmal auffallen, wie bewusst er die Möglichkeiten
einsetzt, die sich beim Abziehen der jeweils aufgenommenen Bilder zwischen deutlicher Hervorhebung
einerseits, Verwischung andererseits, ergeben. Er nutzt die Mittel, die die Schwarz-Weiß-Fotografie
bietet und deren Möglichkeiten der Betrachter von vielen Aufnahmen her vielleicht schon zu kennen
schien, auf ganz eigene, unter Umständen sogar verstörende Weise.
So zeigt uns Grunwald im Vordergrund einer seiner Aufnahmen einen unverkennbar städtischen Platz
mit Bäumen, der seltsam verlassen im Dunkeln liegt und sich dabei deutlich umrissen aus einer
Umgebung abhebt, die in Grautönen verschwimmt. Abgegrenzt ist dieser überschaubare Platz
gegen einen nicht einschätzbaren Hintergrund durch ein lang hingezogenes Geländer, das
nebelhaft schimmernd zwar noch klar zu erkennen ist, sich aber dennoch einer gesicherten Wahrnehmung
fast schon zu entziehen scheint.
Grunwald stellt immer wieder zwei, drei oder vier seiner Aufnahmen aufeinander abgestimmt zu kleinen
Bilderfolgen zusammen und wandelt damit in der Ausstellung sein Thema: »Abschied entgleitend«
in verschiedenen Zusammenhängen ab.
So sehen wir einen nach heutigen Vorstellungen frisch gepflasterten Platz, scharf umrissen sind offene
Pflanzlöcher für Bäume in ihn eingelassen, der Ort sollte wohl dazu einladen, sich auf
ihn verweilend oder schlendernd zu ergehen, tatsächlich wirkte er verloren. Ein anschließendes Bild
zeigt, verwischt (wie aus einem fahrenden Auto aufgenommen) eine wuchtige Hausfassade, die einer
Durchfahrtsstraße ausgesetzt ist, mit toten Fenstern gesichts- und auch geschichtslos, weder heutig noch
historisch wirkt. Ein drittes Bild zeigt uns in unvermitteltem Gegensatz zum Vorangegangenen einen
Laubengang, der in eine Parklandschaft führt und wohl in früher Morgenstunde aufgenommen ist,
nüchternem Alltag oder Feierabendbetrieb entzogen, eher in eine Traumwelt führend. Der Zugang
zu dieser wird von zwei steinernen Sphinxen bewacht, in dunklem Blätterwald um ihn herum blinkt ein
geheimnisvoller Lichtpunkt auf. Ein letztes Bild in dieser Reihe zeigt die Marmorgestalt nach Art einer
antiken Göttin, eine schöne, wenn auch steinerne - Frau in voller Größe, dem Betrachter
fast noch zugewandt, sich dennoch von diesem abkehrend.
In einer anderen Zusammenstellung sehen wir erstens einen Kahn, der über offenes Wasser gleitet, dann
einen Weg, der eine Umwelt erschließt, die von Anwohnern bezogen und bestückt ist, ohne dass
das übermäßig herausgestrichen wird, und drittens eine Landschaft, die in Feld und Wald
offen scheint, durch keine Straßen oder andere Bauwerke zerschnitten oder verstellt. –Abschied
über Wasser, die fest erschlossene Welt ist entglitten, Landschaft bleibt, wo aber der Kahn
überm Ungewissen landen wird, bleibt für den Betrachter offen. Grunwald arbeitet assoziativ,
aber keineswegs streng chronologisch. Die Reihenfolge seiner Aufnahmen zwischen Anfang und Ende ist nicht
streng festzulegen.
Die Fotos bilden bis hin zum Reihenhaus in einer heutigen Vorstadtsiedlung alltägliche Erfahrungen ab,
aber wir werden auch Gestalten und Eindrücken ausgesetzt, die in einer zunächst vertraut
erscheinenden Umgebung nicht aufgehen, sie können Erinnerungen wachrufen, die scheinbar unausweichlich
Vorgegebenes noch einmal ins Ungewisse rücken.
Jeder Betrachter kann sich durch Grunwalds Bilderwelt herausfordern lassen, sich seiner Geschichte,
bei allen Verletzungen, die sie ihm zugefügt haben mag, in allen Verlusten, noch einmal zu stellen,
um sich dann seiner Gegenwart, seinen Möglichkeiten, bewusster zuwenden zu können.
WALTHER GRUNWALD
RAINER MARIA SCHOPP
15. Mai bis 26. Juni 2004
Jeder Abschied von Freunden ist ein kleiner Tod.
François Truffaut »Jules und Jim«
Sehr geehrte Damen und Herren!
In den Schwarzweißfotografien von Walther Grunwald und Rainer Maria Schopp hallen Gedanken um den
kleinen und den großen Tod im Dazwischen wider: im Zeit-Raum von unwiederbringlichem Moment des
Kameraauslösens, anschließen-der Entwicklung und schlussendlicher Betrachtung, die wiederum
neue Impulse auslöst.
Walther Grunwald transformiert diesen immer wiederkehrenden Rhythmus von Zeit und Raum in seiner 2003
entstandenen Serie »Abschied entgleitend« durch gezielte Unschärfen und markiert so
ein Denken im Zwischenraum. Motive und Orte entrücken der vertrauten Vorstellung, eindeutige Muster
von Landschaft und Kultur geraten in ein irritierendes Schwanken, wo die Silhouette eines Bergs, einer
Statue oder einer Pyramide als Déjà-vu aufscheint. Doch sobald wir das Sichtbare konkret zu orten oder
zu dechiffrieren suchen, stehen wir mitten im Ungefähren - und den Fragen nach der Vergänglichkeit
des Seins gegenüber.
Neben »Abschied entgleitend« präsentieren wir in einem Portfolio Walther Grunwalds
»Markierungen«, die den bisweilen kuriosen Allianzen von Ordnung und Zufall im urbanen
Raum nachspüren.
Während Grunwald auf einem subtilen Grat von Fotoreportage und subjektiver Fotografie wandelt,
konzentrieren die Fotografien von Rainer Maria Schopp den subjektiven Faktor allein auf den tiefenscharfen
Ausschnitt von Wirklichkeit. Mit seinem untrüglichen Blick für das Beiläufige und das Detail,
in dessen Randzonen sich Alltägliches und Menschliches spiegeln, ist das Werk des 1997 verstorbenen
Fotografen von profunden strukturellen Analysen sowie von ästhetisch komplexen Strukturen geprägt.
Aus ihrem Kontext herausgelöst, legen die Fragmente unseren Blick frei auf die Überreste der
Zivilisation und sensibilisieren ihn für die verletzlichen Schichten hinter ihren schroffen Fassaden.
Fundstücke und Kommentare von der gesellschaftlichen Peripherie, die das Verweilen - auch beim scheinbar
Banalen - gegen die Flüchtigkeit setzen. »es ist kalt«, hat jemand auf eine flirrende
Brandmauer geschrieben. Rainer Maria Schopps Fotografien sind ein flammender Protest gegen die Kälte.