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»Abschied entgleitend«
»Walther Grunwald / Rainer Maria Schopp«

Thomas Flügge zum Fotozyklus:
»Abschied entgleitend« von Walther Grunwald


Bei Walther Grunwalds Fotos, die er zur Werkgruppe »Abschied entgleitend« zusammengestellt hat, kann zunächst einmal auffallen, wie bewusst er die Möglichkeiten einsetzt, die sich beim Abziehen der jeweils aufgenommenen Bilder zwischen deutlicher Hervorhebung einerseits, Verwischung andererseits, ergeben. Er nutzt die Mittel, die die Schwarz-Weiß-Fotografie bietet und deren Möglichkeiten der Betrachter von vielen Aufnahmen her vielleicht schon zu kennen schien, auf ganz eigene, unter Umständen sogar verstörende Weise.

So zeigt uns Grunwald im Vordergrund einer seiner Aufnahmen einen unverkennbar städtischen Platz mit Bäumen, der seltsam verlassen im Dunkeln liegt und sich dabei deutlich umrissen aus einer Umgebung abhebt, die in Grautönen verschwimmt. Abgegrenzt ist dieser überschaubare Platz gegen einen nicht einschätzbaren Hintergrund durch ein lang hingezogenes Geländer, das nebelhaft schimmernd zwar noch klar zu erkennen ist, sich aber dennoch einer gesicherten Wahrnehmung fast schon zu entziehen scheint.

Grunwald stellt immer wieder zwei, drei oder vier seiner Aufnahmen aufeinander abgestimmt zu kleinen Bilderfolgen zusammen und wandelt damit in der Ausstellung sein Thema: »Abschied entgleitend« in verschiedenen Zusammenhängen ab.

So sehen wir einen nach heutigen Vorstellungen frisch gepflasterten Platz, scharf umrissen sind offene Pflanzlöcher für Bäume in ihn eingelassen, der Ort sollte wohl dazu einladen, sich auf ihn verweilend oder schlendernd zu ergehen, tatsächlich wirkte er verloren. Ein anschließendes Bild zeigt, verwischt (wie aus einem fahrenden Auto aufgenommen) eine wuchtige Hausfassade, die einer Durchfahrtsstraße ausgesetzt ist, mit toten Fenstern gesichts- und auch geschichtslos, weder heutig noch historisch wirkt. Ein drittes Bild zeigt uns in unvermitteltem Gegensatz zum Vorangegangenen einen Laubengang, der in eine Parklandschaft führt und wohl in früher Morgenstunde aufgenommen ist, nüchternem Alltag oder Feierabendbetrieb entzogen, eher in eine Traumwelt führend. Der Zugang zu dieser wird von zwei steinernen Sphinxen bewacht, in dunklem Blätterwald um ihn herum blinkt ein geheimnisvoller Lichtpunkt auf. Ein letztes Bild in dieser Reihe zeigt die Marmorgestalt nach Art einer antiken Göttin, eine schöne, wenn auch steinerne - Frau in voller Größe, dem Betrachter fast noch zugewandt, sich dennoch von diesem abkehrend.

In einer anderen Zusammenstellung sehen wir erstens einen Kahn, der über offenes Wasser gleitet, dann einen Weg, der eine Umwelt erschließt, die von Anwohnern bezogen und bestückt ist, ohne dass das übermäßig herausgestrichen wird, und drittens eine Landschaft, die in Feld und Wald offen scheint, durch keine Straßen oder andere Bauwerke zerschnitten oder verstellt. –Abschied über Wasser, die fest erschlossene Welt ist entglitten, Landschaft bleibt, wo aber der Kahn überm Ungewissen landen wird, bleibt für den Betrachter offen. Grunwald arbeitet assoziativ, aber keineswegs streng chronologisch. Die Reihenfolge seiner Aufnahmen zwischen Anfang und Ende ist nicht streng festzulegen.

Die Fotos bilden bis hin zum Reihenhaus in einer heutigen Vorstadtsiedlung alltägliche Erfahrungen ab, aber wir werden auch Gestalten und Eindrücken ausgesetzt, die in einer zunächst vertraut erscheinenden Umgebung nicht aufgehen, sie können Erinnerungen wachrufen, die scheinbar unausweichlich Vorgegebenes noch einmal ins Ungewisse rücken.

Jeder Betrachter kann sich durch Grunwalds Bilderwelt herausfordern lassen, sich seiner Geschichte, bei allen Verletzungen, die sie ihm zugefügt haben mag, in allen Verlusten, noch einmal zu stellen, um sich dann seiner Gegenwart, seinen Möglichkeiten, bewusster zuwenden zu können.


WALTHER GRUNWALD
RAINER MARIA SCHOPP

15. Mai bis 26. Juni 2004

Jeder Abschied von Freunden ist ein kleiner Tod.
François Truffaut »Jules und Jim«

Sehr geehrte Damen und Herren!

In den Schwarzweißfotografien von Walther Grunwald und Rainer Maria Schopp hallen Gedanken um den kleinen und den großen Tod im Dazwischen wider: im Zeit-Raum von unwiederbringlichem Moment des Kameraauslösens, anschließen-der Entwicklung und schlussendlicher Betrachtung, die wiederum neue Impulse auslöst.

Walther Grunwald transformiert diesen immer wiederkehrenden Rhythmus von Zeit und Raum in seiner 2003 entstandenen Serie »Abschied entgleitend« durch gezielte Unschärfen und markiert so ein Denken im Zwischenraum. Motive und Orte entrücken der vertrauten Vorstellung, eindeutige Muster von Landschaft und Kultur geraten in ein irritierendes Schwanken, wo die Silhouette eines Bergs, einer Statue oder einer Pyramide als Déjà-vu aufscheint. Doch sobald wir das Sichtbare konkret zu orten oder zu dechiffrieren suchen, stehen wir mitten im Ungefähren - und den Fragen nach der Vergänglichkeit des Seins gegenüber.

Neben »Abschied entgleitend« präsentieren wir in einem Portfolio Walther Grunwalds »Markierungen«, die den bisweilen kuriosen Allianzen von Ordnung und Zufall im urbanen Raum nachspüren.

Während Grunwald auf einem subtilen Grat von Fotoreportage und subjektiver Fotografie wandelt, konzentrieren die Fotografien von Rainer Maria Schopp den subjektiven Faktor allein auf den tiefenscharfen Ausschnitt von Wirklichkeit. Mit seinem untrüglichen Blick für das Beiläufige und das Detail, in dessen Randzonen sich Alltägliches und Menschliches spiegeln, ist das Werk des 1997 verstorbenen Fotografen von profunden strukturellen Analysen sowie von ästhetisch komplexen Strukturen geprägt.

Aus ihrem Kontext herausgelöst, legen die Fragmente unseren Blick frei auf die Überreste der Zivilisation und sensibilisieren ihn für die verletzlichen Schichten hinter ihren schroffen Fassaden. Fundstücke und Kommentare von der gesellschaftlichen Peripherie, die das Verweilen - auch beim scheinbar Banalen - gegen die Flüchtigkeit setzen. »es ist kalt«, hat jemand auf eine flirrende Brandmauer geschrieben. Rainer Maria Schopps Fotografien sind ein flammender Protest gegen die Kälte.
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