In einem dunklen Raum hängt ein lebensgroßer Kopf aus Eis über einer Wasserfläche.
Auf der Wasseroberfläche ist ein überdimensionales Auge projiziert - ein Video, das
gleichzeitig auf eine Wand reflektiert wird. Tropfen für Tropfen löst sich der langsam
schmelzende Eiskopf direkt in der Pupille auf. Er versetzt das Auge in Schwingungen,
lässt es tanzen, vibrieren, bewegt und erschüttert es. Erinnerungen tauchen auf an den
Tränenteich aus Lewis Carrolls "Alice im Wunderland", an einen mächtigen Tränenstrom,
an die Magie Edgar Allen Poes. Das "In-das-Auge-Tropfen" lässt an die mittelalterliche
"Wasserfolter" denken; die war für ihre Opfer nicht unbedingt tödlich, aber schmerzhaft
und in den Wahnsinn treibend.
"Intervall Vital" nennt Franticek Klossner diese 1991 entstandene Video-Installation,
in der das in Eis gefrorene Selbstportrait als Material zum ersten Mal Einzug in sein
Kunstschaffen hält. Seither seziert das schmelzende Selbst immer wieder die Kunst und
den Körper - ähnlich dem Rasiermesser in Luis Buñuels berühmter Eingangszene von "Ein andalusischer Hund".
Franticek Klossner bezeichnet sich als Intermedia-Künstler. Und tatsächlich wandelt der 1960
geborene Schweizer mit beeindruckender Virtuosität zwischen traditionellen, neuen und neuesten
Medien: von der öffentlichen Tätowierung "Me veras si me piensas" am Schweizerischen Institut
in Rom (1998) oder der Video-Performance in X-Ray-Durchleuchtung in der Kunsthalle Bremen (1999)
bis zur interaktiven Video-Installation "Appell und Rapport", die in der von Peter Weilbel 2003
in Graz kuratierten Austellung "M_ARS Kunst und Krieg" ebenso zu sehen war wie im Jahr zuvor bei
Christoph Vögele im Kunstmuseum Solothurn zum Thema "Zeitgenössische Wandmalerei".
Die unmittelbar packende Sinnlichkeit und die emotionale Direktheit machen Klossners Kunst so faszinierend
wie polarisierend. Überdies entstehen aber auch immer neue Durchdringungen der jeweiligen Genres, mit denen
Klossner die Grenzen der Einzeldisziplin erweitert. So, wenn er mit einer High-Speed-Kamera in der
Video-Installation "Mess up Your Mind" das menschliche Gesicht zum Fleisch gewordenen Wandrelief
dekonstruiert. Oder aus seinem Video-Archiv mit rund 400 Alltags-Performances mit Protagonisten
des Kunstbetriebs liebevoll-ironische Miniaturgeschichten mit wenigen, reduzierten Bleistiftstrichen
destilliert.
Aus den "Melting Selves" entsteht in "Hidden Assets" ein Archiv mit dem verborgenen Kapital des Künstlers:
Über hundert Eisköpfe stehen sorgfältig aufgereiht in den Regalen einer Kühlkammer. Man fröstelt in diesem
edlen Arsenal nicht allein ob der Temperatur von Minus 20 Grad. Denn sind es wirklich die versteckten
Gedanken, Ideen und Wünsche des Franticek Klossner? Oder stehen wir nicht vielmehr unseren eigenen
geheimen Sehnsüchten und Leidenschaften gegenüber, wenn sich unser Atem als Raureif auf diesen Köpfen
ablagert?
In der Dichotomie von Schock und Poesie sowie in der Transformation von Naturzuständen auf den menschlichen
Körper, ist Klossners Arbeiten aber stets auch ein schelmisches Augenzwinkern eigen. Denn führt er uns mit
den hundertfachen Selbstportraits nicht auch ein wenig an der Nase herum? Unter skulpturalen Aspekten
bedienen sie den Realismus und die klassische Figuration, und finden ihren Platz auch in Ausstellungen
wie "Die obere Hälfte. Die Büste seit Auguste Rodin". Doch ist der Mensch Franticek Klossner, ist sein
Antlitz in diesen vollplastischen Büsten und Köpfen nur schwer auszumachen: nicht im Anfangsstadium der
Eiskörper und erst recht nicht mehr, wenn diese durch das Raum-Temperatur-Zeit-Kontinuum dem Schmelzprozess
bis zur vollständigen Auflösung anheim fallen.
Um welche Art von Selbst handelt es sich also? Klossner stellt es, gemäß seinem Motto:
"My Body is a Touchscreen!", im künstlerischen Raum zur Disposition. Doch geht es dabei nicht um eine
solipsistische Weltauffassung oder das Selbstbildnis im Sinne des romantischen Ichs.
Nicht das Individuell-Persönliche steht im Zentrum, sondern eine Selbst-Erkenntnis - der Kunst,
des Künstlers und eben auch des Betrachters.
Wenn die Verliebtheit in das eigene Spiegelbild in "Total Narziss" auf die mediale Spitze getrieben wird,
so verweist das geradewegs auf die selbst-ironische Abgrenzung zum Repräsentations-bedürfnis des klassischen
Portraits. Narziss verdoppelt und dehnt sich, zersplittert und verschmilzt im Video mit seinem multiplen Bild
so weit, dass wir nicht mehr erkennen, wo die Realität beginnt und die Spiegelung aufhört und vice versa.
Im medialen Schmelzprozess visualisiert "Total Narziss", das 1996 mit dem Videokunstpreis der Länder Thüringen
und Rheinland-Pfalz ausgezeichnet wurde, das, was Peter Sloterdijk in seiner Sphären-Trilogie den
"Zwischengesichtsraum" nennt, wo der Raum zwischen den Gesichtern als ein von turbulenten Strahlungen
erfülltes Kraftfeld erscheint.
Es ist dieses Kraftfeld, das Franticek Klossners Arbeiten generieren - gleich ob das eigene oder ein anderes
Selbst im Mittelpunkt steht, gleich ob es ein einzelnes Selbst ist oder aber viele. Es ist
dieser Zwischen-Raum, in dem sich die Frage dreht: ... was bleibt, wenn der Kopf schmilzt?
Michaela Nolte