Die Videokunst gehört nicht gerade zum angestammten Programm der Galerie, darum erlauben Sie mir einen kleinen Exkurs. Erste größere Beachtung unter Künstlern erfuhr das Medium in den 1970er-Jahren, erste prominente Würden wurden ihm auf der documenta 6 zuteil, im Jahre 1977 – im März dieses Jahres wurde die Galerie Mönch gegründet. Abgesehen von den Pionieren und Vorläufern ist die Videokunst also in etwa gleich alt oder gleich jung wie die Galerie.
Zu erwähnen ist aber auch, dass die erste Institution, die sich der Videokunst in Deutschland nachhaltig angenommen hat, der Neue Berliner Kunstverein war, der seit 1972 mit seiner Videothek zur Verbreiterung und zum Diskurs beiträgt, und in dessen Sammlung sich auch Arbeiten von Betina Kuntzsch befinden.
Wenngleich sich das Video im Laufe der 1970er-Jahre allmählich als künstlerisches Medium etablierte, so liegen seine Wurzeln im Jahrzehnt davor.
1963 unternahm Nam June Paik in der Wuppertaler Galerie Parnaß die erste öffentliche Intervention in ein laufendes Fernsehbild, in dem er mit einem Magneten eine künstlerische Bildstörung erzeugte. Wolf Vostell, der bereits Ende der 1950er-Jahre ähnliche Verfahren für seine TV-Dé-Collagen entwickelt hatte, schuf mit „Sun in Your Head“ den ersten Film mit einer originären Videoästhetik – ebenfalls 1963.
Also genau in dem Jahr, in dem Betina Kuntzsch in Berlin geboren wurde. Nun mag diese zeitliche Koinzidenz ein Zufall sein, aber in ihrem Werk spielt der Zufall als künstlerisches Mittel ja auch eine nicht unwesentliche Rolle. Zumal die Videokunst in den Anfängen von Betina Kuntzschs künstlerischer Laufbahn, die 1983 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig begann, weder vorgesehen noch üblich war.
Vielleicht auch so ein Zufall: Um die Zeit bis zum Studium zu überbrücken, absolvierte Betina ein Volontariat beim Fernsehen. In den Studios in Adlershof gab es eine Videowerkstatt, die vorwiegend von Fernseh-Leuten frequentiert wurde, deren Interesse eher technischer Natur war. Für experimentelle Arbeiten stand die Videowerkstatt nur in den Sendepausen zur Verfügung – d.h. zwischen 12 Uhr nachts und 5 Uhr früh – und für Betina überdies nur dann, wenn sie auf ‚Heimaturlaub’ war. An der Leipziger Hochschule war sie eine Einzelkämpferin. Ein entsprechender Studiengang existierte nicht, und sie versichert: „Wir hatten nicht einmal einen Kopierer!“
1988 schließt sie ihr Studium der Grafik und Buchgestaltung in Leipzig ab: das Diplom erlangt sie mit einem Radier-Zyklus – und mit einer Videoarbeit! Wie gesagt, wir schreiben das Jahr 1988. Auch im Westen war man vom heutigen Standard und Equipment noch weit entfernt, und in der DDR war das Video als Kunstform praktisch nicht existent. Künstlerfilme wurden im Super-8-Format gedreht, ohnehin von der Zensur mit Argwohn beäugt, bisweilen verboten – und mithin in den Untergrund gedrängt.
So fiel die Rückbesinnung der Studentin, in Ermangelung direkter Video-Vorbilder, auf keinen Geringeren als Walter von der Vogelweide. „Ich saß auf einem Steine“ nannte sie ihre Diplomarbeit nach einem Spruch von Walter. Dieses erste Video, das sie mit Bildern des mittelalterlichen Codex’ Manesse entwickelte, war sieben Minuten lang und im 1 Zoll SECAM-Format. Eine Collage aus Computergrafiken, Kreidezeichnungen, DDR-Plakaten und Alltagsgeräuschen.
Eine Einzelkämpferin ist Betina Kuntzsch heute nicht mehr – wohl aber eine Einzelgängerin im besten Wortsinne. Denn mit ihren Videozeichnungen hat sie eine ganz eigene Handschrift entwickelt – und nicht nur das Künstler-Video selbst, sondern auch unseren Begriff von Zeichnung erweitert.
So weit es mir bekannt ist, gibt es nur eine einzige weitere Künstlerin, die mit Videozeichnungen arbeitet, die Schweizerin Zilla Leutenegger. Leutenegger verbindet Videos allerdings mit Wandmalereien. Es handelt sich also um Zeichnungen mit dem Stift beziehungsweise mit der Kamera – so, wie John Baldessari es 1978 proklamierte, als er das „Video als Bleistift“ einsetzte.
Womit die Arbeiten der Schweizer Künstlerin - ohne ihr Werk schmälern zu wollen - in einem relativ konventionellen Zeichen- und Video-Rahmen respektive deren Kompilation bleiben.
Betina Kuntzsch hingegen geht über das Stadium des technischen Pasticcios hinaus. Sie lotet vielmehr mit ihrem profund zeichnerischen Denken die Grenzen des Videos neu aus. Und zwar nicht die technischen, denn die beherrscht sie so perfekt, dass sie sie in aller Ruhe wieder vernachlässigen kann. Gerade mit den Artefakten, mit vermeintlichen Störungen, mit dem Bildrauschen oder eben mit dem Zufall gewinnt Betina dem Medium eine ganz eigene Materialität ab.
Auf die Frage, was denn ihr Bleistift oder Zeichenstift sei, antworte Betina nach einem kurzen Zögern: „Etwas Anderes zeichnet für mich!“ Damit sind natürlich nicht die „höheren Wesen“ gemeint, die Sigmar Polke einst befahlen „rechte obere Ecke schwarz malen!“
Es geht um die Zeichnung als Prinzip: um ihre stofflichen Qualitäten und ihren handwerklichen Charakter, der mithin den Arbeitsprozess sichtbar macht. Übertragen auf das Video erscheint dies als krasser Widerspruch. Gilt doch das Video als Medium par excellence für das „Immaterielle“, zumal in der zusätzlichen Dematerialisierung durch die heutige Digital-Technik.
Aber genau darin liegen die Provokation und eben auch die künstlerische Qualität der Videozeichnungen von Betina Kuntzsch. Begriffen wie ‚Entmaterialisierung’, ‚Kunst ohne Werk’ oder ‚verschwindender Autorenschaft’ setzt sie den Materialwiderstand entgegen.
Es ist die Wirklichkeit - die materielle Stofflichkeit des urbanen Alltags - die den Zeichenstift oder zumindest dessen Substanzen bei Betina auszumachen scheint und sich wie Kohle oder Kreidepigmente oder eine Radiernadel in die Schichtungen eingräbt. Und es ist die Wirklichkeit, die die Bewegung nicht nur ins ohnehin bewegte Bild auf dem Monitor bringt, sondern auch in die im Grunde unbeweglichen Video-Stills.
Wobei die Kamera selbst meist statisch ist. Betina Kuntzsch verzichtet auf Schwenks, Inszenierungen oder ähnliche Mittel. Die Bewegung findet außerhalb statt – wird vom Motiv selbst oder von den Dingen, die es umkreisen, erzeugt.
In der Serie „A 100 Bundesplatz“ sind es die vorbeifahrenden Autos, die eine transparente Lärmschutzwand für den Bruchteil einer Sekunde Rot, Blau, Grau oder Grün einfärben. Aus den Farbschatten können wir erkennen, wann ein Postauto vorbeifährt oder ein LKW der Stadtreinigung. Die Schatten der Mobilität konzentriert zu einer permanenten Momentmalerei. Oder wie Betina sagt: „Jedes Auto ist ein Künstler!“
Aber noch etwas ist in der Komposition dieser ‚bewegten Streifenbilder’ bemerkenswert, auch in fotografischer Hinsicht. Wir nehmen zuerst die streng grafischen, vertikalen Linien wahr. Dann fällt der Blick auf den winzigen Streifen am unteren Bildrand – auf einen Spalt zwischen Betonsockel und Lärmschutzwand. Hier verdichtet sich die Farb-Bewegung zu einer Horizontlinie und evoziert die gegenteilige Wirkung dessen, was in der Malerei oder Fotografie für gewöhnlich durch den Horizont suggeriert wird: die Weite. Selbst im abstrakten Bild vermögen wir anhand der Horizontlinie die weit sich erstreckende Landschaft zu erkennen. In „A 100 Bundesplatz“ verläuft die Seh- und Denkrichtung exakt im 90-Grad-Winkel von Tiefe, Ferne und Fernweh.
Ebenso wie in den Videos und Videozeichnungen „Eine Reise tun“. Geometrische Formen, allesamt von Menschenhand gemacht, lagern sich in die Rhythmen des Triptychons wie Sedimente in die Natur ein. Betina Kuntzsch beschreibt ihre Dreikanal-Videoinstallation als „Roadmovie bei 130 km/h“. Während der Titel „Eine Reise tun“ die Anfangszeilen aus Matthias Claudius’ Gedicht „Urians Reise um die Welt“ rekurriert:
Wenn jemand eine Reise tut,
so kann er was erzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut
Und tät das Reisen wählen.
Das Reisen sieht heutzutage freilich anders aus als im 18. Jahrhundert, und auch das Roadmovie der 1960er, mit seinem Unterwegs-Sein als Metapher für Freiheit hat ausgedient. Von wegen, was erzählen! Wir rasen von A nach B, fahren endlose Strecken ab und erleben aus der Perspektive des Tunnelblicks.
Die Welt ist googlerund, doch die Landschaft ist versperrt von Lärmschutzwänden, LKWs, Brücken oder Tunneln.
Der bewegte Blick ist verriegelt. Gerade so, wie in Heinrich von Kleists „Über das Marionettentheater“ das Paradies. Doch sind Betinas Arbeiten alles andere als kulturpessimistisch. Vielmehr beobachtet die Künstlerin Dinge und Prozesse von, wie sie sagt, „gesellschaftlicher Relevanz“. Ihr Blick und ihre Bilder „Aus der Stadt“ sind immer auch eine Hommage an die Stadt. In diesem Sinne laden sie uns ein, die Reise um die Welt zu machen, wo wir mit Kleist sehen können, ob das Paradies „vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist“.
Denn der künstlerische Blick, der die Wirklichkeit ja oftmals an ganz anderen Stellen entdeckt, als wir es für gewöhnlich tun, spürt zugleich das Faszinosum des Urbanen auf – selbst im ‚rasenden Stillstand’. Bei aller Hochachtung vor Paul Virilio: Wer von uns würde schon gern auf Herrn Urians Stock und Hut zurückgreifen?
Betina entdeckt für uns das Faszinierende in grafischen Strukturen, hervorgerufen beim Passieren einer Anhängerkupplung bei 130 km/h oder in den Lichtern der Großstadt, die sich beim „Bahnblick“ durch zerkratzte S-Bahn-Scheiben erschließen.
Diese Prozesse gesellschaftlicher Relevanz fängt die Künstlerin in feinen Schichtungen ein, in einer rhizomatischen Verzweigung von Dokumentation und Abstraktion. Aber selbst in der vollkommenen Abstraktion erzeugt Betina Kuntzsch einen Moment des Realen. So, wenn sie in ihrem neuesten Video eine einzelne Linie – also das Urelement der Zeichnung – als „Schnellstraße“ in einer Tunnelfahrt münden lässt. Tiefschwarz und gleichsam erhellend.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, ich wünsche Ihnen und Euch viel Spaß beim „Eine Reise tun“ über Autobahnen und Schnellstraßen, mit den ‚Öffentlichen’ oder entlang der „Wegzeichen Grenze“ – bei dem es sich übrigens nicht um eine Videozeichnung, sondern um eine klassische Fotografie handelt. Diese allerdings wirkt in ihrer Luminanz fast schon wieder wie ein Monitorbild. Womit Betina Kuntzsch einmal mehr ihr untrügliches Gespür für künstlerische Grenzüberschreitungen beweist. Dafür möchte ich Betina sehr herzlich danken, und ich danke Ihnen und Euch für die Aufmerksamkeit.