Ulrike Lauber
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Katalogtext
Ulrike Lauber ist Architektin. Der Blick in die Vita verrät allerdings, dass die Fotografie sie schon beschäftigte, bevor sie überhaupt das Studium der Architektur aufgenommen hatte. Seither ist die Fotografie Wegbegleiter, wurde das erste selbst verdiente Geld in eine Kamera investiert. Nur das eigentlich Naheliegende, die Architektur-Fotografie, ist Laubers Sache nicht.
Wenn die Fotografien etwas von der Profession verraten, so, weil sie eine formale Strenge auszeichnet, die auch der architektonischen Auffassung und den Bauten von Ulrike Lauber eigen ist. Bei ihren Streifzügen mit der Kamera entdeckt sie Linien und Formen im Amorphen oder im scheinbar Nebensächlichen, die ihren Fotografien die eigenwillige Spannung verleihen. Ein Beispiel für die kompositorische Funktion von Linie, Fläche und Farbe ist die Serie „Israel 2008“. Sie folgt einerseits dem klaren Rhythmus der Gestalt gebenden Elemente und steigert andererseits das im Wind sich wölbende Netz zu haptisch anmutender Stofflichkeit.
Ein weiterer Link der Personalunion von Architektin und Fotografin mögen die typischen Bau-Stoffe sein, die wiederholt als Motiv auftauchen. Doch die Art und Weise, in der Ulrike Lauber Eisenmodule in „Luino 2006“ oder Gerüststangen in „New York 2008“ fokussiert, entlockt den ästhetisch banalen Materialien eine so poetische Verwandlung, dass ihre eigentliche Bestimmung in den Hintergrund tritt, oftmals kaum noch erkennbar ist. Die im Mikrokosmos der Urbanität akribisch gesichteten Strukturen, verleihen dem realen Gegenstand ein abstraktes und autonomes Eigenleben.
Die gestapelten Holzbretter, aufgenommen auf den „Wiesn 2004“, lassen an die Streifenbilder Barnett Newmans denken. Gleichsam eröffnen sie in den Zwischenräumen von Farbresten, Spänen und Gebrauchsspuren Geschichten, an denen sich unsere Phantasie entfachen kann. Andere nehmen sich aus wie zu geometrischen Abstraktionen gewordene Alltagsformationen, erinnern an Piet Mondrian oder vergegenwärtigen in den zarten, schwarzweißen Lineaturen von „Venedig 2008“ die schwarzen Bilder des Spätwerks von Agnes Martin.
Wenn die Fotografien von Ulrike Lauber Gedanken an Bildwerke der Kunstgeschichte hervorrufen oder bisweilen malerisch anmuten, geht es dennoch nicht um eine Malerei mit der Kamera. Im Zentrum steht das Wesen der Dinge selbst, das Zwischendasein, das sie in ihrer Materialität entfalten. In den Winkeln einer Baustelle, im Gegenlicht eines Scheunentors, an Straßenecken oder in der Oberfläche eines Schalbretts findet Ulrike Lauber das ihnen innewohnende Geheimnis.
Ulrike Lauber fotografiert die Dingwelt so, wie sie sie sieht. Die Bilder entstehen analog und als vollformatige Aufnahmen, die weder im Labor noch digital nachbearbeitet werden. In diesem Sinne stehen die Fotografien in der Tradition der Straight Photography, und sie verknüpfen Poesie mit einem dokumentarischen Ansatz. Das Detail ist nicht der Ausschnitt, sondern das Exzerpt des Sehens.
Den Vorhang, der während der Documenta 12 im gläsernen Aue-Pavillon die Kunstwerke vor dem Tageslicht schützte, transformieren die Aufnahmen mit großer Einfachheit und Klarheit
zu luziden Texturen. Das Gewebe, das einst funktional und schlicht verhüllte, gibt plötzlich Einblicke in eine verborgene Welt. Im Untergrund oszillieren die Formen, Diagonalen und Senkrechten und behaupten mit tänzerischer Leichtigkeit ihre eigenen Strukturen.
Das Spiel mit der Phänomenologie des Realen und mit unserer Wahrnehmung kulminiert in „Venedig 2006“. Im ersten Moment glauben wir eine Landschaft zu entdecken – mit Eisbergen und Findlingen vielleicht. Auf der diesjährigen Venedig-Biennale gab es Künstlerpostkarten, auf denen die Lagunenstadt mit allen möglichen und unmöglichen Orten dieser Welt kombiniert wurde (auch mit der Arktis). Ulrike Laubers Venedig-Fotografie hätte in diese vergnügliche Serie gepasst – nur ist sie wirklich in Venedig aufgenommen.
Michaela Nolte
Berlin, September 2009
Rede anlässlich der Ausstellungs-Eröffnung in der Galerie Mönch,
am 26. September 2009, von Michaela Nolte.
Sehr geehrte Damen und Herren!
Beim Ausstellungs-Aufbau haben wir etwas Verblüffendes festgestellt. Nachdem wir zunächst befürchteten,
die Serie „Documenta 2007“ könne als Block mit 16 Fotografien und mit fast fünf Quadratmetern den Raum eventuell
sprengen, wirkte er zu unserer Überraschung nicht überfrachtet, sondern im Gegenteil: die Wand tritt zurück,
und der Raum erscheint sogar größer als sonst.
Das liegt einerseits natürlich an unserer neuronalen Wahrnehmung; es ist aber auch diese Art von
alchimistischer Wirkung, die diese Fotografien ausüben. So wie der gesamte Block den Raum verändert,
verwandelt Ulrike Laubers Blick den eigentlichen Gegenstand.
Was wir sehen, ist nichts weiter als ein Vorhang, und zwar der Vorhang der während der letzten
Documenta in dem gläsernen Pavillon in der Karlsaue hing, um die Kunstwerke vor Hitze und Tageslicht
zu schützen. Die Aufnahmen von Ulrike Lauber transformieren den Stoff mit großer Einfachheit und
Klarheit zu luziden, rätselhaften Texturen.
Das Gewebe aus weißen Fäden und Aluminiumstreifen, das einst funktional und schlicht verhüllte, changiert
zu einem tiefblauen, zum Schwarz tendierenden Substanzcharakter und öffnet Einblicke in eine verborgene Welt.
Im Untergrund oszillieren die Formen, Diagonalen und Senkrechten und behaupten mit tänzerischer Leichtigkeit
ihre eigenen Strukturen.
Gottfried Wilhelm Leibniz schrieb in „Metaphysische Abhandlung“: „Überdies ist jede Substanz
gleichsam eine Welt im ganzen und ein Spiegel Gottes oder vielmehr des ganzen Universums,
das jede in der ihr eigentümlichen Weise ausdrückt, etwa so, wie sich die eine und selbe Stadt,
je nach den verschiedenen Standorten des Betrachters, verschiedenartig darstellt. Daher wird das
Universum gewissermaßen so viele Male vervielfältigt, wie es Substanzen gibt, …“
Die filigranen Strukturen der Documenta-Fotografien ziehen den Betrachter wie durch einen
unweigerlichen Sog in diese Welten. In der Materialisierung und Entmaterialisierung, im Spiel
von Licht und Gegenlicht, erscheint der eine Vorhang so, als wären es mindestens so viele
Vorhänge wie Fotografien. Ulrike Laubers Blick scheint in den Gegenstand zu sickern wie
die Farbe in eine ungrundierte Leinwand.
Für diejenigen, die es nicht wissen sollten: Die Fotografin ist eigentlich Architektin.
Aber für all jene, die Ulrike Lauber als erfolgreiche Architektin und Professorin kennen,
sei erwähnt: Sie hat mit der Fotografie begonnen, noch bevor sie überhaupt ihr Architektur-Studium aufgenommen hat.
Die Gründe, warum sie der Architektur beruflich den Vorzug gegeben hat, wollen wir hier
nicht erörtern. Vielleicht einfach, weil man eine Kamera immer dabei haben kann, während
man Entwurfspläne, Baustellen oder Gebäude nur schwerlich eben mal aus der Tasche ziehen
kann. Fakt ist: Seit ihrem 17. Lebensjahr ist die Fotografie Ulrike Laubers Wegbegleiter –
ist sie Fotografin und auch Sammlerin. Nur das eigentlich Naheliegende, die
Architektur-Fotografie, ist ihre Sache nicht.
Wenn die Fotografien etwas von der Profession verraten, so, weil sie eine formale Strenge
auszeichnet, die auch der architektonischen Auffassung und den Bauten von Ulrike Lauber
eigen ist. Bei ihren Streifzügen mit der Kamera entdeckt sie Linien und Formen im Amorphen
oder im scheinbar Nebensächlichen, die ihren Fotografien die eigenwillige Spannung verleihen.
In der Serie „Israel 2008“ folgt die kompositorische Funktion von Linie, Fläche und Farbe
einerseits dem klaren Rhythmus der Gestalt gebenden Elemente, andererseits wird das im Wind
sich wölbende Netz zu haptisch anmutender Stofflichkeit gesteigert. Dabei wahrt Lauber die
Distanz des fotografischen Blicks, – verleiht dem Himmelblau des Stoffes einen fast eisig
klirrenden Ton, dessen Schärfe einen weiteren Kontrapunkt zum Fließen und Wallen anstimmt.
Ein anderer Link der Personalunion von Architektin und Fotografin mögen die typischen
Bau-Stoffe sein, die wiederholt als Motiv auftauchen. Doch die Art und Weise, in der
Ulrike Lauber Eisenmodule in „Luino“ oder Gerüststangen in „New York“ fokussiert,
entlockt den ästhetisch banalen Materialien eine so poetische Verwandlung, dass ihre
eigentliche Bestimmung in den Hintergrund tritt, oft kaum noch erkennbar ist.
Laubers Blick verleiht dem Profanen eine Sinnlichkeit, aus der Geschichten entstehen.
So, wenn sie mit einem Augenzwinkern die gewaltige Macht der Natur
(inmitten all unserer Bemühungen, sie zu beherrschen) in Form einer winzigen Pflanze
einfängt, die in „Luino“ durch ein Trapezblech wächst.
Was Aristoteles’ Beispiel vom Gegensatz zwischen Natur und Technik auf den Plan ruft:
„Es halten nun Einige für die Natur und für das Wesen in dem was Natur ist, das
ursprünglich in jedem Vorhandene, an sich form- und ordnungslose; wie des Stuhles
Natur das Holz, der Bildsäule das Erz ist. Als Beweis erwähnt Antiphon, daß, wenn
ein Stuhl in die Erde vergraben wird, und die Fäulnis dergestalt Platz ergreift,
dass ein Keim daraus hervorgeht, hieraus kein Stuhl, sondern nur Holz wird. Hier
also wäre das nebenbei Vorhandene, der nach Satzung und Kunst herbeigeführte
Zustand; das Wesen aber jenes, welches unausgesetzt bestehen bleibt…“
Mit den akribisch gesichteten Strukturen, die Ulrike Lauber im Mikrokosmos der
Urbanität einfängt, verleiht sie dem realen Gegenstand in ihren Fotografien ein
abstraktes und autonomes Eigenleben. Die gestapelten Holzbretter der „Wiesn“
lassen an die Streifenbilder Barnett Newmans denken. In den Zwischenräumen von
Farbresten, Spänen und Gebrauchsspuren eröffnen sie gleichsam Geschichten, an
denen sich unsere Phantasie entzünden kann. Andere nehmen sich aus wie zu geometrischen
Abstraktionen gewordene Alltagsformationen, erinnern an Piet Mondrian oder
vergegenwärtigen in den zarten, schwarzweißen Lineaturen von „Venedig 2008“
die schwarzen Bilder des Spätwerks von Agnes Martin oder Frank Stellas bahnbrechende
Serie schwarzer Bilder mit weißen Streifen, die Ende der 50er-Jahre die Wende vom
abstrakten Expressionismus zur Minimal Art vorwegnahmen.
Wenn die Fotografien von Ulrike Lauber Gedanken an Bildwerke der Kunstgeschichte
hervorrufen oder bisweilen malerisch anmuten, geht es dennoch nicht um eine
‚Malerei mit der Kamera’. Im Zentrum steht das Wesen der Dinge selbst, das Zwischendasein,
das sie in ihrer Materialität entfalten. Gerade weil die Fotografien einen Rest von Realität
bewahren, ein Holzsplitter, ein Türscharnier oder der Wischmob in New York sichtbar bleiben.
In den Winkeln einer Baustelle, im Gegenlicht eines Scheunentors, an Straßenecken oder in
der Oberfläche eines Schalbretts findet Ulrike Lauber ein den Dingen innewohnendes Geheimnis.
Die Melancholie der Zwischen-Räume und Zwischen-Zeiten, die in den „Wiesn“-Bildern das
fröhliche Lärmen des Oktoberfests in den gestapelten Holzbänken und Tischen mitdenken lassen.
In seinem Essay „Vier Photographen“ schrieb Clement Greenberg: „[Eugene] Adget konnte,
wie andere große Photographen auch, bisweilen aus den Zeichen und Spuren der Anwesenheit
von Menschen ein intensiveres menschliches – d.h. literarisches – Interesse hervorholen
als aus dieser Anwesenheit selbst.“
Von Frank Stella, der davon ausging, dass in der Kunst nur das Sichtbare auch wirklich
existiert, ist der Satz überliefert: „What you see is what you see.“ Ulrike Lauber
fotografiert die Dingwelt so, wie sie sie sieht. Die Bilder entstehen analog und als
vollformatige Aufnahmen, die weder im Labor noch digital nachbearbeitet werden.
In diesem Sinne stehen die Fotografien in der Tradition der Straight Photography,
und sie verknüpfen Poesie mit einem dokumentarischen Ansatz. Das Detail ist nicht
der Ausschnitt, sondern das Exzerpt des Sehens.
Ulrike Laubers Kamerafokus folgt ihrer untrüglichen Intuition. Die Aufnahmen
entstehen spontan, aus einer Begeisterung heraus und mit der Nonchalance des Flaneurs.
In Franz Hessels Prosaband „Spazieren in Berlin“, der für Walter Benjamin eine
„definitive Philosophie des Flaneurs“ offenbarte, schrieb Hessel 1929 in seinem
Nachwort an die Berliner: „Das waren ein paar schüchterne Versuche, in Berlin
spazieren zu gehen, rund herum und mitten durch, und nun liebe Mitbürger, haltet
mir nicht vor, was ich alles Wichtiges und Bemerkenswertes übersehen habe,
sondern geht selbst so wie ich ohne Ziel auf die kleinen Entdeckungsreisen
des Zufalls. Ihr habt keine Zeit? Dahinter steckt ein falscher Ehrgeiz, ihr Fleißigen.
Gebt der Stadt ein bißchen ab von eurer Liebe zur Landschaft!“
In ihrer spürbaren Liebe zur urbanen Landschaft entdeckt Ulrike Lauber die urbanen
Randzonen und erlaubt uns, sie durch ihre Fotografien selbst neu zu entdecken.
Das Spiel mit der Phänomenologie des Realen und mit unserer Wahrnehmung
kulminiert in „Venedig 2006“. Im ersten Moment glauben wir eine Landschaft
zu entdecken – mit Eisbergen und Findlingen vielleicht. Auf der diesjährigen
Venedig-Biennale gab es Künstlerpostkarten, auf denen die Lagunenstadt mit
allen möglichen und unmöglichen Orten dieser Welt kombiniert wurde (auch mit der Arktis).
Ulrike Laubers Venedig-Fotografie hätte in diese vergnügliche Serie gepasst.
Nur ist sie eben tatsächlich in Venedig aufgenommen. Ist keine Fotomontage mit
vordergründigem Humor oder einer Idee, die bald wieder verblassen würde, sondern
gräbt sich ein in unsere Wahrnehmung, – wo die Fotografien von Ulrike Lauber unseren
Blick weiten und unsere Sehweise ein wenig verändern helfen.
Literatur:
Gottfried Wilhelm Leibniz „Metaphysische Abhandlung“, S. 21, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1985
Aristoteles „Physik“, S. 39, Verlag Johann Ambrosius Barth, Leipzig, 1829
Clement Greenberg „Vier Photographen“ in „Die Essenz der Moderne“, S. 338, Verlag der Kunst, Dresden, 1997
Franz Hessel „Ein Flaneur in Berlin“, S. 197, Das Arsenal Berlin, 1984/2007, Sonderausgabe des Berliner Verlags, 2007