Rede anlässlich der Finissage "PhotoWorks" in der Galerie Mönch am 30. Oktober 2005
Als wir die Ausstellung PhotoWorks vor einem Jahr zu planen begannen, geschah dies aus einer quasi Trotzreaktion.
In den Medien wurde die Fotografie kleingeschrieben und -geredet, auf den Messen dominierte scheinbar die Malerei, renommierte Auktionshäuser wollten sich aus dem Foto-Segment zurückziehen und das Fachmagazin Kunstforum beschwor im Herbst 2004 gar "Das Ende der Fotografie".
In dieser Stimmung wollten wir mit dem Ausstellungstitel PhotoWorks einerseits fotografische Arbeiten in Zentrum
stellen, vor allem aber unterstreichen, dass die Fotografie, trotz aller Unkenrufe, im mehrfachen Sinne des
englischen "to work" arbeitet, funktioniert und wirkt, mithin weiterhin Bestand hat.
Vor drei Wochen nun hat bei Sotheby's zum ersten Mal in der Auktionsgeschichte ein Fotografie-Los die
Millionen-Dollar-Grenze überschritten, und für Vintage-Prints von Dorothea Lange sowie von Edward Weston
wurde mit über 820 000 US-Dollar ein jeweils neuer Rekord erzielt. Das Handelsblatt machte denn auch gleich
eine wiedererstandene "Fotomanie" in New York aus. Von derlei Summen sind unsere Preise - noch - weit entfernt,
aber es hat uns doch darin bestätigt, dass Totgesagte eben länger leben!
So hoffen wir, einen bescheidenen, aber in der exemplarischen Auswahl dennoch spannenden und anregenden Abriss
zusammengestellt zu haben. Bei dieser "Kleinen Geschichte der Fotografie" von den Avantgardisten der 1920er-Jahre bis zu den heutigen fotografischen Innovationen gilt es zwei wesentliche Linien zu verfolgen.
Zum einen fand die Fotografie als an der sichtbaren Wirklichkeit orientiertes, als genuin authentisches Medium
ihre wohl klarste Ausprägung in der "Straight Photography" wie sie Edward Weston oder Ansel Adams hervorgebracht
haben und deren deutschscher Variante der "Neuen Sachlichkeit" eines Albert Renger-Patzschs oder Karl
Blossfeldts. In dieser Weiterentwicklung gehörte Raoul Hausmann zu den Protagonisten des so genannten
"Neuen Sehens", das ausgehend vom Gegenstand und allein durch den künstlerischen Blick durchs Objektiv
neue Folien der Wirklichkeit eröffnete - ohne Tricks oder Manipulationen.
In dieser Tradition eines "dokumentarischen Stils", wie Walker Evans es formuliert hat, steht das Werk
von Rainer Maria Schopp. In den Spuren und Details des Alltags, in der präzisen Beobachtung des scheinbar
Zufälligen, entsteht der öffentliche Raum als Projektionsfläche der Erinnerung. An den Rändern der Wirklichkeit
werden Ablagerungen des Geschichtlichen offenbar. Mit seinem ungetrübten Blick, mit Tiefenschärfe und
Detailtreue hat Schopp einen Sättigungsgrad der Bilder mit Partikeln der Wirklichkeit erreicht, der gerade
darin Zweifel an ihr aufkommen lässt.
Auch Walther Grunwald arbeitet im Sinne einer puren Fotografie und verzichtet auf nachträgliche Bearbeitungen
des Motivs. Doch unterstreicht, ja feiert er geradezu den Zweifel in der gezielt eingesetzten Unschärfe.
Konkrete Orte, deren topographische Realität der Fotograf benennen kann, während sie für den Betrachter nur
noch vage erahnbar bleiben. Diese konkreten Orte entstehen plötzlich als ein Zwischenreich, in dessen Weiten
wiederum neue Räume, eigene Landschaften entstehen.
Alphonse de Lammartine, der französische Lyriker der Romantik hat einmal gesagt: "Das Ideal ist nichts als die
Wahrheit von weitem." In dem Maße wie Walther Grunwald die Orte und Landschaften in seinen Fotografien entrückt,
in dem Maße schärfen sie unsere Wahrnehmung. Denn das Ideal gerät bei Grunwald nicht zur diffusen Sehnsucht oder
Verklärung. Gerade im Zwischenraum wo das eigentliche Bild keinen Ort hat, entsteht es als Ereignis der
Gegenwart, als Ereignis der Wirklichkeit immer wieder neu.
Der zweite Faden unserer kleinen Geschichte zielt auf das Experimentelle, wie es El Lissitzky mit seinen
konstruktivistischen Photomontagen verfolgt hat. In der Serie mit Portraits des Künstler-Kollegen Kurt
Schwitters stellt Lissitzky jedoch nicht eigentlich den Portraitierten in den Mittelpunkt, sondern montiert
ein "Portrait Kurt Schwitters beim Vortragen eines Lautgedichts", so der Titel. Es geht also nicht um die
Darstellung des Menschen, sondern um das Raumexperiment wie es Lissitzky mit seinem PROUN, dem "Projekt zur
Bejahung des Neuen" entwickelt hat. In diesem Falle um die Durchdringung von Bild, Raum und Sprache, um die
Überlagerung von Resonanzraum, ganz konkretem Raum und fotografischem Raum.
Bei Victorine Müller hingegen steht der Mensch eindeutig im Zentrum. Wobei es sich streng genommen um
fotografische Konzepte handelt, denn Müller steht nicht hinter der Kamera, sie drückt nicht auf den Auslöser.
Sie agiert und inszeniert ihre Fotografien. Mit dem eigenen oder dem fremden Körper als "Poesie-Erreger"
entwirft sie Sinnbilder von archetypischer Kraft und ausgedehnter Ruhe. Gegen das Entschwinden des Körperlichen
in virtuellen Zeiten setzt sie seine physische Präsenz, die in den Fotografien erlebbar wird: Wenn Müller zum
Beispiel im Bauch des maßstabgetreuen Elefanten sitzt, mit Gravität und Gravitation gleichermaßen spielt und
zudem auf den Schultern der Betrachter zu schweben scheint.
Corinna Rosteck bildet quasi das zeitgenössische Pendant zu Lissitzky, in dem sie mit aktuellen künstlerischen
und fotografischen Möglichkeiten experimentiert und diese weiterentwickelt. Ihr Ansatz ist durchaus malerisch
inspiriert und löst sich dabei scheinbar vom fotografischen Gegenstand. Doch der Ausgangspunkt sind jeweils
analoge Bilder von ganz realen Objekten und Substanzen: eine Welle, die Spiegelung einer Fassade oder ein
kleines Eisloch. Im vergrößerten Ausschnitt werden ihre Details zu Protagonisten des Bildes. In dieser
Fokussierung eröffnet sich ein ganz eigener Mikrokosmos - und in den abstrakten Strukturen verführen uns
die Fotografien zum Nachdenken über das Reale, das visuell in ihnen zum Schwingen gebracht wird. So beweist
Corinna aufs Schönste, dass sich analoge Fotografie und digitale Technik nicht ausschließen - sondern sich
vereinen können - und gegenseitig befruchten.
Womit wir wieder beim Anfang wären, nämlich dem "Ende der Fotografie"; was ja auch impliziert, dass das
fotografische Universum - im Zeitalter seiner digitalen Produzierbarkeit - dem Ende der analogen Fotografie
entgegengeht.
Villém Flusser schreibt in "Für eine Philosophie der Fotografie":
"Es ist eben gerade diese ständige Veränderung, an die wir uns gewöhnt haben: Ein redundantes Foto verdrängt
ein anderes redundantes Foto. Die Veränderung als solche ist gewöhnlich, redundant, der "Fortschritt"
uninformativ, ordinär geworden. Informativ, außerordentlich, abenteuerlich wäre für uns der Stillstand,
täglich die gleichen Zeitungen auf den Frühstückstisch zu bekommen oder monatelang die gleichen Plakate
an den Straßenmauern zu sehen. Das würde uns überraschen und erschüttern. … Hier liegt denn auch die
Herausforderung an den Fotografen, dieser Flut der Redundanz informative Bilder entgegenzusetzen."
Die hier präsentierten Fotografen stellen sich dieser Herausforderung. Sie alle setzen auf ihre sehr eigene Art
sinnhafte und "stille" Bilder gegen das allgemeine Bildergetöse.
Michaela Nolte
Seitenanfang