Corinna Rosteck


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Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung
Corinna Rosteck "Halensee", am 19. Januar 2007,
in der Galerie Mönch Berlin, von Michaela Nolte.


Nach "whirl and wake" und "Aqua alta" ist "Halensee" unsere nunmehr dritte Einzelausstellung mit Corinna Rosteck. All jene, die die Ausstellungen in den Jahren 2001 und 2003 verfolgt haben, treffen auf ein vertrautes Element; diejenigen, die Corinnas Arbeiten heute kennen lernen, werden schon anhand der Titel erahnen, dass es ein Thema gibt, das ihr Werk wie ein roter Faden durchzieht: das Wasser. Das Wasser in seiner Schönheit und anziehenden Faszination. Das Wasser in seinem lebendigen Bewegungssog. Das Wasser in seiner gewaltigen Kraft, die Zerstörung und Vernichtung bedeuten kann. Das Wasser aber auch als Spiegel des menschlichen Seins, wie es Johann Wolfgang von Goethe so schön in seinem "Gesang der Geister über den Wassern" besungen hat: "Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muss es, Ewig wechselnd."

Die Fotografien von Corinna Rosteck reflektieren diese Polaritäten der Natur und des Daseins. Dafür braucht sie weder prospektartige Ansichten noch die allseits kursierenden Katastrophenszenarien, die uns im heutigen "Bildergetöse" tagtäglich einlullen. Die Bilder von Corinna sind das, was der Medientheoretiker Vilém Flusser als "stille Bilder" gefordert hat. Jedes für sich ein Ereignis und rätselhaft. Man muss nicht das Heraklit zugeschriebene "Panta rhei" bemühen, um zu sehen, dass dieser Stille auch eine konstante Veränderung innewohnt. Naturgemäß verändern die meisten Künstler ihre Motive ja des öfteren; aber Corinna erprobt darüber hinaus neue Techniken, die ihre Motivation, ihre künstlerische Vision jedes Mal etwas schärfer konturieren. Wenngleich eines ihrer beliebten Stilmittel die Unschärfe ist. Analoge und digitale Fotografie schließen sich bei Corinna nicht gegenseitig aus, und als Bildträger benutzt sie ganz normales Fotopapier ebenso wie das Ilfojet (eine spezielle Metallfolie) oder klassisches Büttenpapier. Das jeweilige Verfahren kommt allein im Hinblick auf das Motiv und seine optimale Aussage zum Einsatz. Was eine Ausstellung mit Corinna für Galeristen und Kuratoren denn auch spannend macht, weil es durchaus passieren kann, dass sie im Labor bei dem einen oder anderen Bild noch einmal von Metallfolie auf Fotopapier umschwenkt oder umgekehrt. Wir kennen das Gros der Fotos auch erst seit gestern. Die Technik ist jedoch nie Selbstzweck. Dazu hat Corinna im Laufe ihrer Ausbildung und Arbeit viel zu große Kenntnisse erworben, um sich von den effektvollen Möglichkeiten schlicht verführen zu lassen. Insofern treffen diese Fotografien genau das, was Vilém Flusser die "apparatlosen" und die "transapparatischen" Bilder genannt hat: Sie überlisten die Kamera und gehen über die Grenzen der Fotografie hinaus. Gelangen vom starren Abbild zu einer Fotografie der Bewegung.

Einen Ursprung für diese Entwicklung im Werk von Corinna Rosteck stellt für mich die Arbeit "back & forth" dar. 1999 zeigte sie auf der eDit in Frankfurt eine Serie von Fotografien tanzender Derwische. Mittels eines einfachen, kleinen Elektromotors und eines Spiegels bewegten sich die Derwische durch den Raum und als Betrachter wurde man zum Teil ihrer Tänze; - schon damals sozusagen in die Bilder hineingesogen. Im gleichen Jahr begann Corinna mit dem Ilfojet zu experimentieren. In diesen Fotografien nun entsteht die Bewegung einerseits durch die Bewegung des Betrachters und andererseits durch die Bewegung des Lichts. Da wir uns heute Abend zwar selbst bewegen können, leider aber nicht mehr das natürliche Licht haben, möchte ich Sie alle herzlich einladen, die Arbeiten noch einmal bei Tage zu sehen, möglichst an einem klaren Tag, wenn die Strukturen und Elemente mit dem Licht der Sonne wandern. In dem Gedicht "In utero 2" von Durs Grünbein heißt es: "Unscharfe Photos werden vom Sonnenlicht retuschiert. Langsam biegt sich der Stachel zurück, kühlt die Wunden. Der Schatten des Eigenen nimmt der Welt ihr Gewicht."

Corinna Rostecks neue Chromira-Arbeiten auf Fotopapier transformieren die Erfahrungen früherer Werke einmal mehr: Das ewige Kreisen der Derwische, das ja weniger Tanz als vielmehr eine Form der Erkenntnis birgt, das Umherstreifen des Lichts als Impuls für den Betrachter, sich in diese Bilder, in diese Welten des Halensees vorzutasten. Aus ihrem Untergrund ersteht die Dynamik wie durch einen Sog. In diesem stillen und eindringlichen Pulsieren liegt denn auch eine innere Verwandtschaft zu den "Farbraumkörpern" von Gotthard Graubner. Graubner hat einmal über seine Arbeiten gesagt: "Der eigentliche Naturbezug in meiner Malerei ist das Nachschaffen eines Organismus, das Atmen, das Ausdehnen und Zusammenziehen. Organische Bewegung, wie sie sich in Wolkenballungen, im Rhythmus des fließenden Wassers oder in der stillen Bewegung eines menschlichen Körpers finden lässt." So wie Gotthard Graubner die Malerei als einen Organismus begreift, so verleiht Corinna Rosteck der Fotografie einen organischen Charakter, in dem die Bilder eine unmittelbare und sinnliche Nähe zum Organismus hervorrufen. Genau an diesem Punkt entledigt sich Corinna, entledigen sich ihre Fotografien der apparatischen Natur des Mediums. Denn obwohl der Ort, der Halensee, genannt wird, entstehen hier Sinnbilder außerhalb von Raum und Zeit. Sie provozieren ein Sehen und Denken im Zwischenraum. So, wie es der Physiker Werner Heisenberg in seiner "Unschärferelation" formuliert hat oder der Kunsthistoriker Aby Warburg im Pendelgang des Kunstwerks zwischen dem Chaos der Gefühle und der Ordnung der Gestaltung. In diesem Zwischenraum hat das eigentliche Bild keinen Ort, sondern entsteht als Ereignis der Wirklichkeit immer wieder neu.

Der Ort erscheint in den Fotografien von Corinna ohne Grenzen: Ober- und Unterwelt, Ufer und Wasserspiegel, Tag und Nacht, Illusion und Wirklichkeit, Fotografie und Malerei lösen sich auf, respektive gehen fließend ineinander über und schärfen gerade darin unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit. Der amerikanische Dichter Henry David Thoreau notierte in seinen Aufzeichnungen über den Walden-See: "Manche halten Blau für die Farbe des reinen Wassers, ob es nun flüssig oder fest ist. Blickt man aber von einem Boot aus direkt in unsere Wasser hinein, so sieht man, dass sie von sehr verschiedener Farbe sind. Walden - ist von genau dem gleichen Punkt aus einmal grün, das andere mal blau. Er liegt zwischen Himmel und Erde und nimmt an den Farben der beiden teil."

In den Fotografien von Corinna erscheint das Wasser in der ganzen Palette seiner Farben und Stofflichkeit zwischen Himmel und Erde. Das Zwielicht in "dark & dawn" schimmert nicht nur zwischen Dämmerung und Dunkelheit. Es changiert zugleich zwischen dem was wir sehen oder besser zu sehen glauben. Ist das wirklich dieser kleine harmlose See im Berliner Berzirk Grunewald? Oder führt uns die Stille zur Ultima Thule - dieser mythischen Insel, von der wir nicht wissen, ob sie war, wo sie war und ob sie nicht längst schon untergegangen ist? Oder ist es in seiner Beunruhigung eine moderne Variante von Arnold Böcklins "Toteninsel", wo nur das Boot mit den Fahrenden schon lang weitergezogen ist - oder eben angekommen. Böcklin schrieb an seine Auftraggeberin über die "Toteninsel": "Sie werden sich hineinträumen können in die dunkle Welt der Schatten, bis Sie den leisen, lauen Hauch zu fühlen glauben, der das Meer kräuselt." Das latente Kräuseln wird in Bildern wie "Momentum" oder "Zellglatt" zum Erzittern der Natur. Dann wiederum erscheint es geglättet, wenngleich nicht weniger beunruhigend. Wie in "dark & dawn I", wo die Baumstämme -schattengleich- an den Baum aus Samuel Becketts "Warten auf Godot" erinnern. Den übrigens für die Pariser Uraufführung Alberto Giacometti entworfen hat. Und schließlich hat Becketts großes Drama des Stillstands ja nicht nur auf dem Theater sehr viel in Bewegung versetzt.

Corinna Rostecks Fotografien bewegen. Sie bewegen die zeitgenössische Fotografie und sie bewegen uns. Und wer Corinna kennt, der weiß, dass auch die Künstlerin sich in einem ständigen Fluss bewegt. Lassen Sie mich in diesem Sinne zum Schluss und noch einmal auf Heraklit zurückkommen und auf Goethe, der den Philosophen des Dunkels in seinem Gedicht "Dauer im Wechsel" sehr licht zitiert hat: "Gleich mit jedem Regengusse Ändert sich dein holdes Tal, Ach, und in demselben Flusse Schwimmst du nicht zum zweitenmal."

Wenngleich das Wasser ein zentrales Thema ist, so ist den Fotografien von Corinna aber auch ein weiteres Element eigen: das Feuer. Denn sie bieten jede Menge Zündstoff für die Phantasie.

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"The moon took its time. It was white and timid, and when a fish
jumped through it, the moon winced.
Then it collected itself and went on dancing, perfectly round."
Werner Koch, "Lake-Life I"

Twilight casts the last patches of day on a narrow strip of water at the lower picture margin. Traces of a landscape are seen only in the mirror of the water. The rest is color. A blue in which night mingles with dusk. It takes a while for the eyes to accustom themselves to this state and make inroads into the layers of the foggy, cloudy blue. Or are the blue billows in fact moving toward us?

Corinna Rosteck's new photographs reflect nature in its organic movements. The landscape in "halenfog" begins to pulsate in the color's airy yet dense rhythm; in the color space of "Camouflage" it swirls up - or is it going under? "Offramp" confronts the eye with icy air layers in a stratosphere-pale blue. The boundaries dissolve between sky and glass-clear water, on which float the remnants which winter has left of nature. These photographs command a peculiar fascination. A porosity that leaves the eye in limbo, contrasting with the in fact smooth surface of the medium. Corinna Rosteck overcomes this smoothness, the non-tactile element inherent in photography, the lack of the physical point at which a painter has taken leave of his painting.

The very selection of the detail and the establishment of concrete size ratios leads to a subjective approach. In Camera Lucida Roland Barthes writes that the actual organ of the photographer is not the eye, but "his finger: what is linked to the trigger of the lens." When Rosteck increases the contrast in one place or slightly intensifies the nuances of a color (whether in the laboratory or on the computer), the result is a kind of "final brushstroke" in which the handwriting of the photographer is made legible and tangible.

Thus Corinna Rosteck's works always move in the realm of photography about photography, and her manifold experimentation focuses in large part on the relationship between photography and painting - one that has been turbulent ever since the invention of the medium. Rosteck translates this relationship into a metamorphotic state in which questions as to the existence or influence of one or another author of the picture become obsolete.

At first glance the photographs seem to thematize something abstract, departing from the original and proper character of the medium.

The latest works do evoke recollections of the "Color Space Bodies" of painter Gotthard Graubner. On closer examination, however, the photographs are seen to depict perfectly real things: shore, water and forest come into view, radiant day or mysterious night; building facades are reflected in puddles, rain drops trigger waves in a body of water, weeping willows are set to dancing in a lake.

The latest series centers on Halensee, a small lake in Berlin's Grunewald. Corinna Rosteck approaches photography through the back door of tradition, as it were: focusing on the real, she does not show things' effigies, but rather extracts their essence by setting them in motion. Admitted, the real comes from a past reality, and here too Corinna Rosteck follows an inescapable photographic tradition. But even in the photographs on metal foils with which she has been experimenting since the late 1990s, she transcends this aspect by allowing the eye of the viewer to keep recreating the moment anew.

Series such as "Residences", "(T)Raum" and "Whirl and Wake" do not open themselves to the visual exploration of the picture surface alone; they always require the active use of the entire body. The viewer must walk up to the pictures, step aside, move around them - the perception alters with each shifting point of view. In addition, the motif is not only determined by the light present at the (past) moment at which the shutter was released. The angle and natural progression of light during viewing becomes an equally elementary component of the works, making the waves begin to oscillate, the water drops splash, the clouds drift by on the glass facades.

The use of Ilfojet foils instead of photo paper gives the images a dynamic that transcends the frozen snapshot to expand the boundaries of photography. "The moment is without time. Time arises from the motion of the moment," Leonardo da Vinci noted in his "Codex Arundel". In this spirit, Corinna Rosteck's photographs appeal to the present power of the moment. With her inimitable sense of detail - which, as Leonardo realized, reveals something of the nature of the whole - she returns what has passed to the present in the moment of viewing.

Michaela Nolte

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