Die Malerei als eine der ältesten künstlerischen Ausdrucksformen hat in ihrer Entwicklung
mancherlei Wandlungen erfahren: von den Wandmalereien der jüngeren Altsteinzeit bis zum Tafelbild,
das die Malerei seit dem 15. Jahrhundert dominiert und jüngst wieder fröhliche Urständ feiert,
nachdem es von der Klassischen und vor allem von der Zweiten Moderne seit den 1950er-Jahren dekonstruiert wurde.
So als Jackson Pollock mit seinem Action Painting den Schritt in den Raum vollzog,
Robert Rauschenberg Malerei und Objekte zu Combine Paintings vereinte oder
der Arte Povera-Künstler Luciano Fabro schlichte Bettlaken zu Bildern erklärte.
Nun malt die Musik mit Tönen, in der Fotografie kennen wir die Malerei mit dem Licht,
und mittlerweile malt selbst der Computer - womit auch immer.
Tamer Serbay malt mit der Natur!
Nicht vor oder in der Natur wie die Pleinair-Maler des 19. Jahrhunderts und schon gar nicht nach ihr;
vielleicht am ehesten im Sinne Paul Cézannes, für den Kunst "eine Harmonie parallel zur Natur" bedeutete.
Aber wie gesagt: Tamer Serbay malt mit der Natur.
Bisweilen geht er dabei so weit, dass er sich ganz aus dem künstlerischen Prozess zurückzieht.
Einzelne Substanzen, aus denen seine Bilder sind, überlässt er für Wochen oder über Monate
der Witterung und vertraut mithin den Naturkräften die Gestaltung an.
Dann wiederum setzt er fertige Bilder sozusagen an die Luft, wo Wind und Wetter, wo Sonne, Schnee oder Regen
ihnen ihre Spuren einschreiben; der Zufall und die Zeit den Pinsel führen.
Nun wäre es verkürzt, von Tamer Serbay nur als von einem Maler zu sprechen.
Denn sein vielschichtiges künstlerisches Schaffen umfasst außerdem Objekte
und Installationen im Innenraum sowie in der Landschaft.
Doch stehen diese dreidimensionalen Arbeiten in einer konsequenten künstlerischen und persönlichen
Entwicklung, deren Ausgangspunkt die Malerei war.
Eine Malerei neo-impressionistischer Haltung, mit der Tamer Serbay in seiner türkischen Heimat
früh vertraut wurde, die er mit orientalischen Elementen subtil durchwob und damit zu Beginn
der 1980er-Jahre erste künstlerische Erfolge feierte.
Doch dem war nicht etwa eine akademische Ausbildung als Maler vorausgegangen.
Nach seiner Übersiedelung nach Deutschland studierte er ab 1970 zunächst Agrarwissenschaften
an der Universität zu Kiel.
Manch ein Künstler streicht solch artfremdes Vorleben ja gerne aus seiner Vita heraus.
Tamer Serbay negiert diesen Werdegang mitnichten.
1982 gab er die wissenschaftliche Arbeit auf und lebt seither als freischaffender Künstler
in Kiel und Berlin.
Aber seine Erfahrungen als Agrarwissenschaftler - er hat das Fach nicht nur studiert sondern auch
einige Jahre in diesem Bereich gearbeitet - diese Erfahrungen flossen später allmählich
auch in seine Kunst ein.
In der profunden Kenntnis zweier eigentlich sehr verschiedener Disziplinen mag Tamer Serbays
künstlerische Entwicklung zu einem originären Stil begründet sein.
Aber ebenso in dem gesunden Misstrauen des Künstlers gegenüber dem Erfolg und dem einmal Erreichten.
Gegen Ende der 1980er-Jahre tauscht Tamer Serbay Pinsel und Leinwand gegen sensible Naturstoffe aus.
Die Zweidimensionalität des Tafelbilds wird mit Papier, Holz und Draht, mit Bambus oder Peddigrohr
durchbrochen und gleichsam überwunden.
Wandbilder entstehen, deren Strukturen sich zur Objekthaftigkeit auflösen und die zunächst den
Innenraum erobern.
Anfang der 1990er-Jahre geht Tamer Serbay aus dem Atelier und dem musealen Raum heraus,
und hinein in die Wälder und Felder - oder an den Meeresstrand.
Ein scheinbar ungeordneter Haufen blauer Stäbe taucht da plötzlich zwischen Farnen und Geäst auf.
Bücher entfalten eine ganz eigene Lesart auf Rasenflächen oder wenn sie signalrot
und wild Baumstämme umarmen, aus denen sie ja eigentlich gemacht sind. Sinfonien aus
Papier und Weiden stimmen gemeinsam mit dem Wind und dem Meer oder mit dem Rauschen eines Schilffeldes neue
Töne an.
Während die Land Art-Künstler vor allem auf die Sichtbarmachung natürlicher oder
urbaner Erscheinungen zielen, und die künstlerischen Eingriffe in die Natur zumeist via fotografischer
oder filmischer Dokumente in den Kunstraum zurückführen, überführt Tamer Serbay
den natürlichen Prozess in einen unmittelbar künstlerischen.
Serielle Strukturen die er in der Natur beobachtet hat, greift er in seinen Landschafts- und Rauminstallationen
auf, und verdichtet sie schließlich zu neuartigen Bildern.
Weil er eben nicht nur als Künstler von außen auf die Natur blickt, sondern mit dem Wissen um ihre
Gesetze zu einer Metamorphose von Natur und Kultur gelangt.
Eine Metamorphose, die den Lauf der Jahreszeiten reflektiert, die zerstörerische Kraft der Natur impliziert
- aber auch die Neues hervorbringende Verwandlung durch die Urelemente Wasser, Erde und Luft begreifbar werden
lässt.
Eine Metamorphose, die in den Zerfallserscheinungen der Materie die Zeit als vierte Dimension erfahrbar macht.
Diese Vereinigung von Materialität und Immaterialität konzentriert Tamer Serbay zusätzlich,
wenn er - anstatt sich eines edlen Künstlerpapiers für seine Arbeiten zu bedienen - serielle Ordnungen
aus handelsüblichen Papiertüten schöpft, und so dem alltäglichen, dem armen Material einen
neuen Raum der Poesie eröffnet.
In der reduzierten Formensprache und der monochromen Farbgebung entfalten diese
Bilder einen lyrischen Rhythmus, deren prägnanter Takt dem sublimen Charakter der Farbe, mithin der
Farbe Blau, die seit Yves Klein zum Inbegriff reiner Kontemplation wurde, eine neue Stofflichkeit verleiht.
Die Farbe als Material geht bei Tamer Serbay fremde Allianzen ein. Sie durchlebt natürliche Prozesse
von Wärme und Kälte, von Feuchtigkeit und Trockenheit. Sprünge und Risse durch die Zeit lagern
sich da ab.
Bei manchen Bildern schwelt die Veränderung kaum sichtbar unter den Farbschichten. Das Papier, einst von
Nässe durchtränkt, schlägt Wellen, aus denen die monochromen Pigmente wie Farbkörper
auftauchen.
Ihre außerordentliche Haptik "trifft mehr als das Auge", wie es der britische Maler und Regisseur
Derek Jarman formuliert hat, dessen Film "Blue" die wohl radikalste Hommage an die Farbe Blau ist.
Das Alltägliche - mithin das Leben - betont Tamer Serbay im künstlerischen Rahmen einmal mehr, wenn
aus den Papiertüten eine Art Behausung entsteht. Eine Architektur des Immateriellen, in der das Haus
zum Zeichen wird, dessen Räume wir, die Betrachter, zu beleben aufgefordert sind: mit dem Inventar unserer
Erfahrungen und unserer Phantasie.
Der Künstler hat das einmal sehr schön auf den folgenden Punkt gebracht:
"Mir kommt es auf die Synthese als gedankliche Verknüpfung von Material und Erinnerung an, nicht auf die
mimetischen Ergebnisse meiner Arbeit."
Tamer Serbay lässt uns an dieser Synthese teilhaben, die er selbst wie nur wenige Künstler in seiner
Persönlichkeit und in seiner Kunst vereint.
Denn seine vielfältigen künstlerischen und seine nicht minder vielfältigen kulturellen
Erfahrungen entfalten eine ureigene Sprache, die sich immer wieder neu erfindet.
Wenn wir ihr Lauschen, schenkt sie uns spannende Erlebnisse des Sehens und der Wahrnehmung.
Michaela Nolte