Sieben kommt vom Sieben!
Ein Wesen, halb Insekt, halb Säuger "und ne Wolke", ein Menschenschädel und
"Pow - Tod auf Rädern". Die Dinge erscheinen bekannt, aber im Moment des
sicheren Wissens steht der Betrachter auf seiner Erkenntnis wie auf fein
verteilter Schmierseife: Sehen wir eine Regen spendende Wolke oder speit da
ein Vulkan seinen Ascheregen? Sind die Fotografien der Frauen vor den Ruinen
der russischen Botschaft in "Grosny" oder der Freischärler in "mask gang"
Dokumente einer Tragödie oder dokumentarisches Theater, Schnappschüsse oder
Inszenierung? Die Klageweiber verwandeln sich in Erinnyen, der Mantel der
Gerechtigkeit wird zum bleiernen Markenzeichen des Grauens: das "Kosovo
Jacket" ein Logo im "Friendly Fire".
Volker Sieben stellt die reale oder gestellte Wirklichkeit noch einmal nach.
Das Sichtbare, kaum scheint es zum Greifen nahe, wendet sich in sein
Gegenteil um, das sattsam Bekannte schlägt den Weg in Richtung einer
entlegenen Bedeutung ein; vielleicht auch keiner Bedeutung oder vieler, und
so mitten ins Zentrum von Volker Siebens Bildern, die jenseits tradierter
Perspektiv- oder Farbgesetze wirken und so ganz ohne Dreh- und Angelpunkt
auskommen. Das ruft Irritation hervor, und das Gleichgewicht gerät ins
Wanken.
Im "kopfschloss", einem gemeinsam mit Burkart Ellinghaus entwickelten
Environment, wird das Denken auf ungewissem Terrain körperlich erfahrbar.
Der Boden weich, zur Mitte hin ansteigend, gibt bei jedem Schritt nach. Die
großformatigen Zeichnungen schweben Segeln gleich an dünnen Holzstäben im
Raum, umkreisen den Betrachter und jeder Luftzug versetzt sie in leichte
Schwingungen. Zwar fällt man beim Erwandern der Bilder nicht aus den
sprichwörtlichen Wolken, wohl aber geraten Sehen und Wahrnehmung aufs
Angenehmste aus der gewohnten Bahn. Das anfängliche Kippeln wird zum
fröhlichen Taumel in eine Welt, aus der sich Gravitation und Gravität
verabschiedet haben. Die museale Kunstkammer hat ebenso ausgedient wie der
sterile "White Cube". Kein Rahmen, der den Bildern und Betrachtern Halt
gibt. Das Auge schlingert von "esau" zum "boy" und "so me " schwingt es auf
der Spur zu "ith liepe isch".
In einem Essay über den "Bilderlesesaal", einem weiteren dieser ebenso
beseelten wie beflügelnden Erkenntnisräume, schreibt Burkart Ellinghaus:
"Die kleinen Dinge machen festen Boden, auch wenn man das Land nicht kennt,
in dem man unterwegs ist. Und fester Boden macht ein freies Auge." Die
Bilder ziehen uns in diese Terra Incognita, saugen uns fest mit ihren
fragilen Kreaturen und amorphen Formationen. So wie wir auf winterglatter
Straße in jedem Jahr neu gehen lernen, birgt jedes dieser Blätter das
Abenteuer neu sehen zu lernen.
"REISE BITTER - Erzählungen von der Begegnung auf dem Weg nach Hause" heißt
eine Serie der ersten "Bewanderten Blätter", wo reduzierte, feinnervige
Lineaturen auf weite Pfade führen und Wortschleifen aus dem Himmel sinken:
"wäzz wäzz wäsch mit floh dir flieh flea". Redefiguren oder Begriffsfetzen,
auf die wir uns selbst unseren Reim machen dürfen. Auslöser sind
ekstatische Erlebnisse und Selbstexperimente des Künstlers, die im Stil
der Écriture automatique auf das Blatt fallen und von dort auf uns selbst zurück: "Was
wir sehen, ist nicht was wir sehen, sondern was wir sind", heißt es in
Fernando Pessoas "Buch der Unruhe". Der subjektive Blick stiftet Freiheit,
doch Freiheit ruft immer auch Unsicherheit hervor; stellt Fragen um Dichtung
und Wahrheit, Illusion, Wahn und Wirklichkeit, Sein oder Schein. Nicht von
ungefähr wurde und wird die abstrakte Kunst in Diktaturen verteufelt und
ihre Urheber verfolgt. Denn das geschärfte Bewusstsein vermag versteinerte
Systeme aufzuweichen und aus der Bahn zu werfen.
Schwindelnd ertastet sich der Künstler die Welt: Schwindel erregend - denn
hier bestimmen die Peripherien das Zentrum und die ausgehöhlte Gravitation
gibt die Fallhöhe vor. Mit allerlei Schwindelei - wissend, um die Kunst als
schönste Form der Lüge und dass sie die Trugbilder der Realität kaum noch zu
überbieten vermag. Erdichtend, erfindend, gaukelnd, singend und fabulierend
sucht uns also der Maler die Welt ein Stück weit wieder ins Lot zu rücken.
Was aus den Angeln gehoben ist, kann nur durch weitere Schleudergänge wieder
zum Mittelpunkt gelangen. Die Kunst als Zentrifuge, in der die Wahrheiten so
lange durch den Wolf gedreht werden, bis das "Kopfgift" fein säuberlich
getrennt ist und die Schichten des Verstandes wieder freigelegt sind. Keine
Antworten, keine Lösungen, aber ein beherztes "vergiftmeinicht" - Wunsch und
Warnung zugleich. Die Kunst als Gegengift zu den Sprechblasen der
Infotainment-Gesellschaft: das Wort hat die Comic-Blase selbst. Sprechend
mischt sie "abgift mit ungift", weckt Erinnerungen an den gutmütigen Mond
aus Der kleine Häwelmann und Alices unheimlicher Edamer-Katze. Doch der alte
Mond hat ausgedient, die Herrschaft hat längst das Grinsen ohne Katze
übernommen, das schnurrt genüsslich "Schlaaf schlaaf Soldat".
Der Zufall wird lesbar, dann wieder ausradiert, übermalt, weggestrichen und
abermals hervorgekratzt zum skripturalen Zeichen. Der Unfall wird nicht
bandagiert, das Untote nicht zum künstlichen Leben erweckt. Volker Sieben
lässt Realität und Groteske, Politik und Persönliches aufeinanderprallen.
Die Masken von Tätern und Opfern gerinnen in den "DIEAREAS - lost songs on
the short way home" zur ununterscheidbaren Maskerade. Ein ganzes Arsenal von
Wolpertingern bevölkert die Bilder, und nichts Menschliches scheint denen
fremd. Doch bleiben sie weit entfernt vom allgegenwärtigen Nichts ist
unmöglich. Die bizarren Welten bewahren ihre Fremdartigkeit und rücken so
das Vertraute in ein neues Blickfeld. Die Wahrnehmung strauchelt beschwingt
vom Fuß auf den Kopf und verliert ihn bisweilen.
So manches von Volker Siebens Wesen kommt kopflos daher, andere rollen als einsame
Köpfe, von sämtlichen Gliedern und allen guten Geistern verlassen,
durch Zeit und Raum. Die Bilder illustrieren das Raum-Zeit-Kontinuum nicht,
und dennoch scheint es außerhalb von Schnelllebigkeit oder rasendem
Stillstand (Paul Virilio) stets virulent. Die fast konservativ anmutende
Ruhe, unterstrichen durch den Verzicht auf expressive Farben, wird gebrochen
von sparsamen Skripturen, den sinnfälligen Titeln und von Aufnahmen des mehr
oder weniger aktuellen Zeitgeschehens. Einige der (vermeintlichen) Dokumente
bleiben als Fragment sichtbar, andere verschwinden unter den Farbschichten;
erinnerlich nur noch für den Schöpfer, rufen die Bilder aus dem
Untergrund eine Unruhe hervor.
Die Wahrheit im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit entspricht
nicht mehr der Wirklichkeit.
Die Sachverhalte bilden längst nicht mehr die Tatsache und frei nach
Ludwig Wittgenstein rufen die Arbeiten von Volker Sieben ihre eigene Logik aus:
Die Welt ist alles, was fällt.
Und Sieben kommt vom Sieben.
Michaela Nolte Berlin, im August 2003