Bilder    | Biographie | Information | Presse | Homepage

"… so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, dass sie zeigt, wie wenig damit getan ist, dass diese Probleme gelöst sind."
Ludwig Wittgenstein "Tractatus-Logico-Philosophicus", Vorwort


Sieben kommt vom Sieben!

Ein Wesen, halb Insekt, halb Säuger "und ne Wolke", ein Menschenschädel und "Pow - Tod auf Rädern". Die Dinge erscheinen bekannt, aber im Moment des sicheren Wissens steht der Betrachter auf seiner Erkenntnis wie auf fein verteilter Schmierseife: Sehen wir eine Regen spendende Wolke oder speit da ein Vulkan seinen Ascheregen? Sind die Fotografien der Frauen vor den Ruinen der russischen Botschaft in "Grosny" oder der Freischärler in "mask gang" Dokumente einer Tragödie oder dokumentarisches Theater, Schnappschüsse oder Inszenierung? Die Klageweiber verwandeln sich in Erinnyen, der Mantel der Gerechtigkeit wird zum bleiernen Markenzeichen des Grauens: das "Kosovo Jacket" ein Logo im "Friendly Fire".

Volker Sieben stellt die reale oder gestellte Wirklichkeit noch einmal nach. Das Sichtbare, kaum scheint es zum Greifen nahe, wendet sich in sein Gegenteil um, das sattsam Bekannte schlägt den Weg in Richtung einer entlegenen Bedeutung ein; vielleicht auch keiner Bedeutung oder vieler, und so mitten ins Zentrum von Volker Siebens Bildern, die jenseits tradierter Perspektiv- oder Farbgesetze wirken und so ganz ohne Dreh- und Angelpunkt auskommen. Das ruft Irritation hervor, und das Gleichgewicht gerät ins Wanken.

Im "kopfschloss", einem gemeinsam mit Burkart Ellinghaus entwickelten Environment, wird das Denken auf ungewissem Terrain körperlich erfahrbar. Der Boden weich, zur Mitte hin ansteigend, gibt bei jedem Schritt nach. Die großformatigen Zeichnungen schweben Segeln gleich an dünnen Holzstäben im Raum, umkreisen den Betrachter und jeder Luftzug versetzt sie in leichte Schwingungen. Zwar fällt man beim Erwandern der Bilder nicht aus den sprichwörtlichen Wolken, wohl aber geraten Sehen und Wahrnehmung aufs Angenehmste aus der gewohnten Bahn. Das anfängliche Kippeln wird zum fröhlichen Taumel in eine Welt, aus der sich Gravitation und Gravität verabschiedet haben. Die museale Kunstkammer hat ebenso ausgedient wie der sterile "White Cube". Kein Rahmen, der den Bildern und Betrachtern Halt gibt. Das Auge schlingert von "esau" zum "boy" und "so me " schwingt es auf der Spur zu "ith liepe isch".

In einem Essay über den "Bilderlesesaal", einem weiteren dieser ebenso beseelten wie beflügelnden Erkenntnisräume, schreibt Burkart Ellinghaus: "Die kleinen Dinge machen festen Boden, auch wenn man das Land nicht kennt, in dem man unterwegs ist. Und fester Boden macht ein freies Auge." Die Bilder ziehen uns in diese Terra Incognita, saugen uns fest mit ihren fragilen Kreaturen und amorphen Formationen. So wie wir auf winterglatter Straße in jedem Jahr neu gehen lernen, birgt jedes dieser Blätter das Abenteuer neu sehen zu lernen.

"REISE BITTER - Erzählungen von der Begegnung auf dem Weg nach Hause" heißt eine Serie der ersten "Bewanderten Blätter", wo reduzierte, feinnervige Lineaturen auf weite Pfade führen und Wortschleifen aus dem Himmel sinken: "wäzz wäzz wäsch mit floh dir flieh flea". Redefiguren oder Begriffsfetzen, auf die wir uns selbst unseren Reim machen dürfen. Auslöser sind ekstatische Erlebnisse und Selbstexperimente des Künstlers, die im Stil der Écriture automatique auf das Blatt fallen und von dort auf uns selbst zurück: "Was wir sehen, ist nicht was wir sehen, sondern was wir sind", heißt es in Fernando Pessoas "Buch der Unruhe". Der subjektive Blick stiftet Freiheit, doch Freiheit ruft immer auch Unsicherheit hervor; stellt Fragen um Dichtung und Wahrheit, Illusion, Wahn und Wirklichkeit, Sein oder Schein. Nicht von ungefähr wurde und wird die abstrakte Kunst in Diktaturen verteufelt und ihre Urheber verfolgt. Denn das geschärfte Bewusstsein vermag versteinerte Systeme aufzuweichen und aus der Bahn zu werfen.

Schwindelnd ertastet sich der Künstler die Welt: Schwindel erregend - denn hier bestimmen die Peripherien das Zentrum und die ausgehöhlte Gravitation gibt die Fallhöhe vor. Mit allerlei Schwindelei - wissend, um die Kunst als schönste Form der Lüge und dass sie die Trugbilder der Realität kaum noch zu überbieten vermag. Erdichtend, erfindend, gaukelnd, singend und fabulierend sucht uns also der Maler die Welt ein Stück weit wieder ins Lot zu rücken. Was aus den Angeln gehoben ist, kann nur durch weitere Schleudergänge wieder zum Mittelpunkt gelangen. Die Kunst als Zentrifuge, in der die Wahrheiten so lange durch den Wolf gedreht werden, bis das "Kopfgift" fein säuberlich getrennt ist und die Schichten des Verstandes wieder freigelegt sind. Keine Antworten, keine Lösungen, aber ein beherztes "vergiftmeinicht" - Wunsch und Warnung zugleich. Die Kunst als Gegengift zu den Sprechblasen der Infotainment-Gesellschaft: das Wort hat die Comic-Blase selbst. Sprechend mischt sie "abgift mit ungift", weckt Erinnerungen an den gutmütigen Mond aus Der kleine Häwelmann und Alices unheimlicher Edamer-Katze. Doch der alte Mond hat ausgedient, die Herrschaft hat längst das Grinsen ohne Katze übernommen, das schnurrt genüsslich "Schlaaf schlaaf Soldat".

Der Zufall wird lesbar, dann wieder ausradiert, übermalt, weggestrichen und abermals hervorgekratzt zum skripturalen Zeichen. Der Unfall wird nicht bandagiert, das Untote nicht zum künstlichen Leben erweckt. Volker Sieben lässt Realität und Groteske, Politik und Persönliches aufeinanderprallen. Die Masken von Tätern und Opfern gerinnen in den "DIEAREAS - lost songs on the short way home" zur ununterscheidbaren Maskerade. Ein ganzes Arsenal von Wolpertingern bevölkert die Bilder, und nichts Menschliches scheint denen fremd. Doch bleiben sie weit entfernt vom allgegenwärtigen Nichts ist unmöglich. Die bizarren Welten bewahren ihre Fremdartigkeit und rücken so das Vertraute in ein neues Blickfeld. Die Wahrnehmung strauchelt beschwingt vom Fuß auf den Kopf und verliert ihn bisweilen.

So manches von Volker Siebens Wesen kommt kopflos daher, andere rollen als einsame Köpfe, von sämtlichen Gliedern und allen guten Geistern verlassen, durch Zeit und Raum. Die Bilder illustrieren das Raum-Zeit-Kontinuum nicht, und dennoch scheint es außerhalb von Schnelllebigkeit oder rasendem Stillstand (Paul Virilio) stets virulent. Die fast konservativ anmutende Ruhe, unterstrichen durch den Verzicht auf expressive Farben, wird gebrochen von sparsamen Skripturen, den sinnfälligen Titeln und von Aufnahmen des mehr oder weniger aktuellen Zeitgeschehens. Einige der (vermeintlichen) Dokumente bleiben als Fragment sichtbar, andere verschwinden unter den Farbschichten; erinnerlich nur noch für den Schöpfer, rufen die Bilder aus dem Untergrund eine Unruhe hervor.
Die Wahrheit im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit entspricht nicht mehr der Wirklichkeit.
Die Sachverhalte bilden längst nicht mehr die Tatsache und frei nach Ludwig Wittgenstein rufen die Arbeiten von Volker Sieben ihre eigene Logik aus: Die Welt ist alles, was fällt.
Und Sieben kommt vom Sieben.

Michaela Nolte Berlin, im August 2003

Seitenanfang