Franti?ek Klossner | ... WAS BLEIBT, WENN DER KOPF SCHMILZT? | 2006

Als Performance-, Video- und Installationskünstler stellt Franti?ek Klossner die Grenzen zwischen Interaktion und Interaktivität in der Kunst neu zur Disposition und Diskussion. Sein Credo: “My Body is a Touchscreen!” verweist einerseits auf das künstlerische Selbst als Ausgangsbasis und zielt andererseits auf das unmittelbar Dialogische von Kunstwerk und Betrachter.

Dabei wandelt der 1960 geborene Schweizer mit bestechender Virtuosität zwischen traditionellen, neuen und neuesten Medien, verwandelt und erweitert ihre Möglichkeiten: Von der öffentlichen Tätowierung “Me veras si me piensas” am Schweizerischen Institut in Rom (1998) oder der Video-Performance in X-Ray-Durchleuchtung in der Kunsthalle Bremen (1999) bis zur interaktiven Video-Installation “Appell und Rapport”, die in der von Peter Weibel 2003 in Graz kuratierten Ausstellung “M_ARS Kunst und Krieg” ebenso zu sehen war wie im Jahr zuvor bei Christoph Vögele im Kunstmuseum Solothurn zum Thema “Zeitgenössische Wandmalerei”.

Seit 1990 arbeitet Franti?ek Klossner mit in Eis gefrorenen Selbstportraits, die sich als Skulptur im Raum allmählich auflösen oder in Installationen durch das Tropfen des Wassers zu bizarren Veränderungen projizierter Bilder führen. Dann wiederum erscheint das Selbst hundertfach als “Gedanken-Archiv”, das in einer Kühlkammer bei Minus 20 Grad aufbewahrt wird.

Die Ausstellung “… was bleibt, wenn der Kopf schmilzt?” versammelt eine Skulptur und Objekte aus verschiedenen Serien der “Melting Selves” sowie Fotografien und Videos, die den Schmelzprozess und die Wandlung auf faszinierende Weise widerspiegeln: vom kompakten Eiskörper zur diaphanen Büste über das Stadium abstrakter Objekthaftigkeit bis zur Vergänglichkeit.

Ein weiterer Teil der Ausstellung ist neuen Zeichnungen gewidmet. Mit wenigen, markanten Bleistiftstrichen pointiert Franti?ek Klossner Alltagsgeschichten aus dem leibhaftigen Kulturbetrieb. Die Blätter wie “Die Videokünstlerin projiziert ein Video auf Haralds Bart” oder “Virilio erklärt Lischka die Dromologie” basieren allesamt auf alltäglichen Begegnungen und spontanen Aktionen, die Klossner seit 2001 aufzeichnet und in seinem Video-Archiv sammelt. Als Zeichnung formieren sie sich im Raum zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen liebevoller Ironie und zerstörtem Ideal.

Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung HOLD THE LINE | Zeichnungen von Max Hari, Franti?ek Klossner und Thomas Müllenbach | 2015
Von Michaela Nolte

„Kunstgeschichte kitzelt“ wäre im Sinne von anstacheln passend auch für Max Hari und überhaupt für unsere Ausstellung. Denn „Alles Alte“, sagt Melusine – die uns auch in einer Zeichnung von Thomas Müllenbach begegnet -, in Theodor Fontanes Der Stechlin, „sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“ „Kunstgeschichte kitzelt“ heißt die Werkreihe von Franti?ek Klossner im Kabinett. Und Klossner nimmt das Kitzeln wörtlich. Das Gefühl und die Reaktion, wenn ein Filzstift oder ein Kugelschreiber auf den Bauch zeichnet.

Kunstgeschichte ist für den 1960 ebenfalls im Berner Oberland geborenen Künstler schon immer ein fruchtbarer Stachel gewesen, und in diesem Sinne überschreitet und erweitert Franti?ek Klossner die Grenzen des Mediums Zeichnung gleich mehrfach. Um den real agierenden und reagierenden Körper, um das Performative, um die Fotografie und um das Wort respektive die Schrift. Vor allem aber um den Humor.
Dabei liegt der Ursprung der Werkreihe nur indirekt in der Kunstgeschichte. Bei einer Vorbereitung für seine Studenten an der Berner Kunsthochschule rund um das Thema Individuation, stieß er auf Walter Benjamins Über den Begriff der Geschichte. Der IX. Abschnitt des Essays ist dem Bild Angelus Novus von Paul Klee gewidmet, das Benjamin 1921 (zwei Jahre nach dem Abschluss seiner Dissertation in Bern) erwarb, und das bis vor seiner letzten Flucht nach Spanien im Jahre 1940 in seinem Besitz war. Also auch in seiner Berliner Wohnung und zuletzt in Paris.

Als ich Franti?ek per E-Mail fragte, was zuerst da war, Klees Angelus oder die Idee des Bauchnabels, antwortete er auf die Frage nach dem Huhn oder dem Ei das Folgende:
„Und als ich dann im Kunsthaus Interlaken (2013)
meine Eiskörper als Klangkörper schmelzen ließ
und den nackten sich windenden Jüngling in Embryostellung
in riesigen Videoprojektionen gegenüberstellte
Daaaaa kam dann die Idee, dass der Angelus Novus
eigentlich ein BAUCHNABEL IST!!!
– mit manchmal weit aufgerissenem Mund
oder mit verstört schüchternem Blick
beobachtend was wir tun….
(er muss mit ansehen, wie wir unsere Gegenwart meistern)
Darum: Der Engel der Individuation ist unser Bauchnabel!
Sozusagen DAS Symbol an unserem Körper
für die fortwährende Erneuerung und immer wiederkehrende Abnabelung…
Und indem ich nun meine persönliche Kunstgeschichte auf die “Näbel”
meiner Freunde zeichne….  ergibt sich ein erneuter Kreislauf des Abnabelns….!!!
Die Kunst wird einverleibt und “verarbeitet” und angeeignet …
oder noch pointierter gesagt:
Was man sich nicht sagen kann,
soll man sich auf den Bauch zeichnen!”

Der Nabel der Welt. Für das Christentum liegt er in der Grabeskirche in Jerusalem, für Cicero war es Rom. Für Franti?ek Klossner ist es der Bauchnabel von Freunden inmitten oder am Rande von Kunstwerken. Kunstgeschichte kitzelt und trifft damit den Nerv! Und wie erstaunlich individuell so ein Bauchnabel ist und in den Zeichnungen zugleich auch für ganz andere Dinge stehen kann, das ist schon recht abenteuerlich.
Der neue Engel – bei Klee mit zu angstvollem Staunen geöffnetem Mund -, ist bei Klossner der markante Bauchnabel von Simon. Verblüffend, erschreckend fast, wie sehr sich die jeweiligen Formen ähneln. Oder wie logisch der Bauchnabel von Günther in „Kirchner auf Ketterer“ zur Augenhöhle wird. Der Nabel von Simon (einem anderen als dem Simon in der Zeichnung nach Klee) bleibt Nabel des „Modulors nach Le Corbusier“. Gleichsam wirkt seine Form wie das sehende, das dritte Auge.
Manche Näbel formen Trichter. Wie der von Andreas, der im „Liegenden weiblichen Akt nach Picasso“ die Rolle der Vagina spielt. Andere, wie der von Arthur, verschwinden im dichten Haarbewuchs – um wie Dampf aus Meret Oppenheims Pelztasse aufzusteigen -, oder verbergen den Rest des Körpers in einer „Konkretion nach Thomas Hirschhorn“, wenn Carolas Bauchnabel aus dem Klebeband schaut, wie eine Einäugige aus einer Burka.
Bei dem „Stehenden Mann nach Picasso“ (Filzstift auf Annick) haben wir mit den Begrifflichkeiten ein wenig gerungen. Erlauben Sie mir daher mit einem Zitat von Hans Arp zu enden. Zum einen weil der deutsch-französische Künstler zurzeit im nahegelegenen Georg Kolbe Museum mit einer Ausstellung gewürdigt wird, die, schöner Zufall, den passenden Titel Der Nabel der Avantgarde trägt, und zum anderen weil er vielfache Bezüge zur Schweiz hatte. Im nächsten Jahr feiern wir 100 Jahre DADA und das Cabaret Voltaire – wo Hugo Ball, Richard Huelsenbeck und Arp diese Kunstbewegung 1916 begründeten -, kann man bis heute in der Zürcher Spiegelgasse besuchen.

Den Bezug von Franti?ek Klossners „Stehendem Mann nach Picasso“ zu Hans Arps drittem Vers der Schwalbenhode dürfen Sie dann selbst entdecken.
„immer mit dem Hammer
edeldene besen vereden lammer
der feuer- und der wasserschwanz
erstrahlen im medaillenglanz“

Biographie:

1960 geboren
1985-1989 F+F Kunstschule Zürich, bei Hermann Bohmert, Hansjörg Mattmüller, Valie Export, Peter Weibel, Morgan O’Hara, Norbert Klassen, Vollrad Kutscher  und Gerhard Johann Lischka. Weiterbildung in den Bereichen Video und Performance Art: New York P.S.122, Internationale Filmseminare Basel, FOCAL Lausanne
Franti?ek Klossner lebt und arbeitet in Bern.

Lehraufträge:

seit 2006 Hochschule der Künste Bern HKB
2010-2012 Ecole Cantonale d’Art du Valais ECAV
2001/2002 Fachhochschule Nordwestschweiz – Institut Medienkunst, Aarau
1993-2000 F+F Kunst- & Medienschule Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl):

2015 Kairos und Chronos – Videokunst, Kunstverein Ruhr, Essen
2014 Double Trouble, Galerie Beatrice Brunner, Bern, Schweiz (mit Manon)
Laboratorium, Kunsthalle Wil, SG, Schweiz
2013 Installationen, Kunsthaus Interlaken, Switzerland
2012 Körper schmelzen Köpfe, Edition Multiple, Bern, Schweiz
2010 Fünf Sinne plus 1, Kunst in St. Peter und Paul, Bern, Schweiz
2008 Kunstmuseum Solothurn, Schweiz (mit Victorine Müller)
2007 Centro de Expresiones Contemporáneas, MACRO, Rosario, Argentina
Orpheus – Videoinstallation, Valiart Medienkunstraum, Bern, Schweiz
2006 sic!projects • Galerie Mönch Berlin
2005 Centro de Arte Universal, Santiago de Cuba, Kuba
2004 MAMBA, Museo de Arte Moderno de Buenos Aires, Argentina
2003 Museum Kaisertrutz Görlitz/Zgorzelec, D/Polen
2002 Centro d’Arte Contemporanea Ticino Bellinzona, Schweiz
2001 Kunsthaus Grenchen, Schweizt
seit ’91 diverse Einzelausstellungen in Galerien und Kunstinstitutionenen sowie
Präsentationen bei Video-, Film- und Performancefestivals

Gruppenausstellungen / Auswahl:

2017 IN VISIBLE LIMITS, Kunstzeughaus Rapperswil Jona, Schweiz
ICH NICHT ICH, Kunsthaus Zofingen, Schweiz
2016 LUMIÈRE D’HIVER, Fondation Von Rütte-Gut, Sutz, Biel-Bienne, Schweiz
IN VISIBLE LIMITS, Neuer Kunstverein Aschaffenburg
VIS-À-VIS, Kunsthalle Luzern, Pink Panorama Festival, Bourbaki Panorama, Schweiz
IN VISIBLE LIMITS, Kunstverein Konstanz, Kulturzentrum Wessenberghaus
DER TOTENTANZ IN DER ZEITGENÖSSISCHEN KUNST, Museum für Kommunikation, Bern, Schweiz
IN VISIBLE LIMITS, Kunsthaus Interlaken, Center for Contemporary Art, SchweizSchweiz
2015 L’IMMAGINE DI SÈ, Villa Croce, Museo d’arte Contemporanea, Genova,
HOLD THE LINE, Galerie Mönch, Berlin
2015 ARTPOSITION, Contemporary Art Fair, Blue Factory, Fribourg, Schweiz
2015 FRAGILE, Galerie C, Contemporary Art, Neuchâtel, Schweiz
2014 EXISTENZIELLE BILDWELTEN, Sammlung Reinking, Museum für moderne
Kunst Weserburg Bremen | UNIKAT – ARTIST’S BOOKS, Graphische Sammlung
der Schweizerischen Nationalbibliothek | UNDERGROUND, Kontur Kunstverein
Stuttgart, Fort Schoenenbourg, Ligne Maginot d’Alsac, France, Frankreich
DES HOMMES ET LA FORÊT – Musée Château de Nyon, Suisse
PERFORMATIVE VIDEO ART – Galerija 12 HUB, Belgrad, Serbien
2013 DAS SCHWACHE GESCHLECHT, Kunstmuseum Bern | VIDEOKUNST,
Museum Moderner Kunst Wörlen Passau, Deutschland | BRAIN WAVE, Rolex
Learning Center, École Polytechnique Fédérale EPFL, Lausanne | THE WAY WE
WHERE, Galeri Zilberman, Istanbul, Türkei | PAPER CUTS – PAPIERS
DÉCOUPÉS – Schweizerisches Nationalmuseum, Schwyz
JUBILÄUMSAUSSTELLUNG DER BERNISCHEN KUNSTGESELLSCHAFT –
FEU SACRE – Kunstmuseum Bern | SELBST IM BILD – PERFORMATIVE
SCHWEIZER VIDEOKUNST, Kornhausforum, Bern
2012 SWISS PERFORMATIVE VIDEO ART, Espacio Trapézio, Madrid, España
DER SPIEGEL DES NARZISS, Galerie des Landes Tirol, Taxispalais, Innsbruck
WILD AT HEART, Zone Contemporaine, Bern | THE PICTURED SELF, Cercle
Artistic de Sant Lluc, Barcelona | CANTONALE, Kunsthaus Interlaken, Schweiz
2011 BODIES, Kunsthalle Osnabrück, Reinkingprojekte Hamburg | PEAU, Fondation
Claude Verdan – Musée de la main, Lausanne | VIDEOCREACION SUIZA,
Semana de la Francofonia, Havana, Kuba
2010 VIDÉOS AU CHÂTEAU, Château Mercier, Sierre, Suisse | IMAGES, Festival des
arts visuels, Vevey, Suisse | SCHWEIZER VIDEOKUNST, Kinoptikum Landshut,
LOOPING MEMORIES, Loop Festival Barcelona, Fundaciò Suñol, Barcelona
PROYECTO CIRCO, Performances Audiovisuals, Havana, Kuba |
VIDEOCREACION CONTEMPORANEA, Mediterráneo Centro Artístico, Almeria,
2009 CANTONALE, Kunsthaus Interlaken | LOOPING MEMORIES, Progr Zentrum für
Kulturproduktion, Bern | FEU SACRÉ, Nacht der Religionen, Bern
2008 FORUM JUNGE KUNST, Zug | SÉLECTION, Galerie Martin Krebs, Bern
2007 ART EN PLEIN AIR, Môtiers, Val de Travers, Neuchâtel, Suisse | SAMMLUNG
CAROLA UND GÜNTHER KETTERER-ERTLE, Museum Liner, Appenzell
12e BIENNALE DE L’IMAGE EN MOUVEMENT, Genève, Suisse | LES RÊVES
DU CHÂTEAU, Musée de Nyon, Suisse | ART_CLIPS.CH.AT.DE, Zentrum für
Kunst und Medien ZKM, Karlsruhe | ART_CLIPS PERFORMATIV, Galerie
Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern, Schweiz
2006 THE COMPLEX OF RESPECT, Kunsthalle Bern | SPAZIARTE, Museo
Nazionale delle Arti del XXI secolo, Rom | DIE OBERE HÄLFTE / DIE BÜSTE
SEIT AUGUSTE RODIN, Museum Liner Appenzell | DIE VERGÄNGLICHKEIT
DER SCHÖNHEIT, Forum für Kunst und Medien, Görlitz | ART_CLIPS_
PERFORMATIV Kunstraum Innsbruck | MAPPING SWITZERLAND, Seedamm
Kulturzentrum Pfäffikon, Schweiz
2005 Städtische Museen Heilbronn | Musée de la Main, Lausanne | Kunsthalle Emden
Forum für Kunst und Medien, Görlitz/Zgorzelec, D/Polen
2004 Hartware Medien Kunstverein, Dortmund | Kunsthaus Centre Pasquart, Biel
2003 Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz | Center for Contemporary
Art, Kiev, Ukraine | Historisches Museum Bern
2002 Kunstmuseum Solothurn, Schweiz | Schweizerische Landesbibliothek, Bern
2001 Kunstmuseum Bern | Artkino, Art Frankfurt
1999 Kunsthalle Bremen | Forum für Medien, Bern
1998 Biennale Internationale du Film sur l’Art, Centre Pompidou, Paris
1997 Out on the Screen, Videofestival, Los Angeles, USA | Festival Internacional de la
Imagen, Manizales, Colombia | The 19. Tokyo Video Festival, Japan
1996 Statens Museum for Kunst, Kobenhavn, DK | Kunsthaus Pasquart, Biel | Film- &
Videofestival der Länder Thüringen und Rheinland-Pfalz

Werke im öffentlichen Raum / Permanente Installationen

1996 Übungstisch für soziale Neigungswinkel, Performative Skulptur,
Ausgleichskasse des Kantons Bern AHV IV
1998 Unterbrochene Notizen, Urban Poetry, Textinstallation, Schweizerisches
Institut in Rom / Istituto Svizzero di Roma
2005 Daumen- und Zehenkino, Urban Art, Druckgrafik auf Asphalt, Inselspital
Universitätsspital Bern
2007 Certains vivent pour la première fois, Urban Poetry, Thermodruck auf Asphalt,
Môtiers, Val des Travers
2009 Philosophische Strassenmarkierung, Urban Poetry, Thermodruck auf Asphalt,
Weiherweg Rüschlikon Zürich
2010 Fünf Sinne plus 1, Text-Installation, Christkatholische Kathedralkirche
St. Peter und Paul, Bern
2011 Alte Liebe rostet nicht, Text-Installation, Haus der Universität Bern, 1995
(Neuinszenierung 2011)
2011 Gewissheit, Text-Installation, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern, 1994
(Standortwechsel 2011)
2011 In Fragen baden, Urban Poetry, Hallenbad Weyermannshaus Bern
2014 Klepsydra, Performative Installation, Kirche Jegenstorf