Rede zur Ausstellungseröffnung Beate Köhne · Where There is Light … in der Galerie Mönch Berlin, am 6. Juni 2026

Von Michaela Nolte

 

Wir hören ein Knacken, sehen ein Flattern —, spüren einen Luftzug auf der Haut – einen Windhauch.

„Kreupelhoot“ – ein Begriff wie just erfunden für Beate Köhnes gleichnamiges Bild. Die Stimmung ist eindeutig: kreupelhoot! Die Farben knistern, auf dem Türkisblau hüpfen Wildgänse und Rennzwerge, Blätter stürzen ins blaue Nass, Wirbel drehen ihre Bahnen und im Teich tümmeln sich Seerosen. Alles nicht augenfällig sichtbar, aber in unserer Phantasie sehr real anwesend.

„Kreupelhout“ – da ist der besondere Klang des Wortes – und im Holländischen steht es für Unterholz. So ist es nicht nur der charmant klingende Begriff, sondern auch dessen Sinngehalt, die uns in eine Art geheimnisvolles Unterholz führen. Die Formen und Förmchen, die Flecke und Linien ziehen, stürzen und flirren durch das Geäst und ein Stöckchen gibt das andere. Orange und Grün landen auf schlammfarbenem Grund. Kriechend und tastend hören wir die Farben klingen, können nicht nur ihr Aussehen, sondern ebenso ihren Geschmack erforschen.

Wenn das Abstrakte, der von Beate rasch mit dem Pinsel gesetzte Fleck oder der zufällig geschüttete Farbklang überhaupt einen Anker in der Realität haben – und unser Auge und unser Hirn suchen ja gerne diesen Anknüpfungspunkt in der Wirklichkeit –, dann ist es die Landschaft. Die Natur mit ihren im Wortsinne unzähligen und im metaphorischen Sinne unbeschreiblichen Hervorbringungen und Schönheiten.

In seiner Monographie über die Künstlerkolonie Worpswede, schrieb Rainer Maria Rilke 1903:

„Wir sind gewohnt, mit Gestalten zu rechnen, – und die Landschaft hat keine Gestalt, wir sind gewohnt aus Bewegungen auf Willensakte zu schließen, und die Landschaft will nicht, wenn sie sich bewegt. Die Wasser gehen und in ihnen schwanken und zittern die Bilder der Dinge.“

Beate Köhnes Inspirationen gründen in der realen Welt, in einer tatsächlichen Beobachtung, einem erlebten Gefühl, auf einer wirklichen Reise, in der Natur oder in der Erinnerung. Die Malerin als feine Beobachterin der Wetter und Winde, der Erdkrumen und der Farben, der Geschichten und Geschehnisse, die mit einer besonderen, einer ganz eigenen Intensität aus Bildern wie „Wirbel (Hellblau)“, „Petite Joie“ oder „Quirkendorp“ sprechen und leuchten.

Sie irrlichtern und funkeln, sind ebenso dynamisch wie kernig- und urwüchsig. Wenn ich mir Beate beim Malen vorstelle, muss ich unweigerlich an Shakespear’sche Figuren denken. Ist sie eher Ariel oder Puck? Oder eine Mischung aus beiden?

Mit dem wendigen Puck geht es durchs Unterholz, aber mehr noch scheint es mit Ariel, dem Luftgeist, durch Raum und Zeit zu gehen.

Was durchaus mit unserer Hängung korrespondiert. Die Bilder hängen verhältnismäßig hoch, was sich bei der Konzeption ganz intuitiv entwickelt hat. Die Farben und Formen in den Bildern streben automatisch in die Höhe und vermitteln immer wieder den Eindruck: es fliegt und schwirrt in diesen Sphären. Und sie regen auch uns zum Fliegen an; machen uns leicht, lassen unsere Gedanken entlang von wunderbar florierenden Assoziationsketten schweben. Die sind abstrakt gestimmt, frei fließend und zugleich konkret spürbar; greifbar als Wellen von erlebbarer Resonanz.

Flüchtige Erinnerungen glimmen auf, Schemen oder die Farbigkeit einer Blüte oder eines Blattes; vieles wirkt wie das Wachsen selbst. Es ist eine eigenwillige Dynamik in diesen Bildern und in Beates originärem Duktus: Natur pur, aber weit entfernt von einem Abbild der Natur. Wachstum im Zeitraffer, hierarchielos und anti-illusionistisch.

Erzählungen und unsere Phantasie werden angeregt. So wie in „Draußen I“, wo das von dunklen Erdtönen umrahmte Hellblau eine Tür öffnet in ein Haus, in ein nicht näher definiertes Außen, in eine helle, eine vielleicht verheißungsvolle Welt, um die sich ein wahrer Schwall von Farben ergießt: Rot, Blau und Türkis, Grün, Gelb, Schwarz und Weiß. Kein Wasserfall, sondern ein Farbfall. Denn nicht nur ist laut Ludwig Wittgenstein die Welt „alles was der Fall ist“, — ebenso schreibt der Philosoph etwas weiter in seinem Tractatus logico-philosophicus: „Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.“

Auch in „There Will be Light“ begegnet uns dieses flirrende All-Over, diese wimmelnde Simultaneität der Bewegungsrichtungen, diese explosive Freude. Ob es sich um das Licht am Anfang der Schöpfung dreht oder um das Licht am Ende des Tunnels, sei dahingestellt. Wir wogen durch das Licht und wandern durch die Schatten, werden vorangetrieben von wiederum dieser spürbaren Dynamik. Dionysos kommt uns in den Sinn – Gott des Rausches, der Fruchtbarkeit und Ekstase.

In dem Langgedicht Unterholz schreibt die deutsche Autorin Romina Nikoli?:

„In der Erinnerung
ist der Blick ins Blau von Zweigen verstellt, an der Borke
kriecht eine Ameise empor.
Vor wie vielen Jahren hier ein Kind begraben wurde,
verraten die Ringe im Holz, ein Kind mit Kernen im Bauch.
Mein Bruder sitzt jetzt in der Krone und spuckt
die Steine ins Gras. Im Zeitraffer sprießen die Keime,
durchstoßen die Wurzeln das Erdreich,
verzweigen sich, verwachsen mit anderen, wachsen,…“

Wenngleich Beates Farbpalette in jüngster Zeit vom Gesamteindruck her dunkler gestimmt ist, so hat diese Dunkelheit nichts Abgründiges oder gar Bedrohliches. Vielmehr wandeln wir in diesen Bildern im Schutz des Dunkels, aus dessen Innerem ein intensives Leuchten scheint.

In dem Essay Lob des Schattens schreibt der Japaner Tanizaki Jun’ichiro über sich und seine Landsleute: „Wir lieben […] Farben, die man als Anhäufung von Schatten bezeichnen kann; die Leute im Westen dagegen lieben Farben, in denen sich das Sonnenlicht konzentriert.“ Und uns Westlern attestiert der Schriftsteller: dass wir uns „ständig auf der Suche nach besseren Verhältnissen“ abmühen, „selbst den geringfügigsten Schatten zu verscheuchen.“

Und an anderer Stelle heißt es in Lob des Schattens: “Das, was man als schön bezeichnet, entsteht in der Regel aus der Praxis des täglichen Lebens. So entdeckten unsere Vorfahren, die wohl oder übel in dunklen Räumen wohnen mussten, irgendwann die dem Schatten innewohnende Schönheit.“

Denn wo Licht ist, ist auch Schatten. Where There is Light … Beate feiert diese Schönheit. Provoziert diesen Schwebezustand, ein Flackern des Blicks, des Augen-Blicks und der Gedanken. Ein Pendelgang, wie ihn der Kunstwissenschaftler und Forscher Aby Warburg beschrieben hat. Ein fruchtbarer Zustand „der polaren Funktion der künstlerischen Gestaltung zwischen einschwingender Phantasie und ausschwingender Vernunft“. Übergangsriten zwischen dem Chaos der Kreativität und der Ordnung der Gestaltung, zwischen Realität und Fiktion, zwischen Wahrnehmung und Wahrgebung als Zustand ganz eigener und diverser Phantasien.

Anders als beim Schönen im traditionellen Sinne geht es in Beates Bildern nicht um das Schöne im Fokus eines Blicks, der Bedeutung sucht und blind dem Fortschritt huldigt, sondern um einen offenen Blick, der Erfahrung zulässt. In Ingeborg Bachmanns Roman Malina taucht der bemerkenswerte Satz auf: „ich will die Schönheit verführen.“ Beate ist so eine Schönheitsverführerin. Ihre Kunst ist nie oberflächlich, nie reine Dekoration, sondern stets mit Tiefgang, voller Leben, voller Erlebtem und trotz aller Abstraktion eignet diesen Bilder etwas sehr Authentisches.

In Platons Symposion gibt Sokrates folgende Worte der Weisen Diotíma wieder: „… dass man (…) jenes einen Schönen wegen immer höher hinaufsteige, gleichsam stufenweise von einem zu zweien, und von zweien zu allen schönen Gestalten, und von den schönen Gestalten zu den schönen Sitten und Handlungsweisen, und von den schönen Sitten zu den schönen Kenntnissen, bis man von den Kenntnissen endlich zu jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem als eben von jenem Schönen selbst die Kenntnis ist und man also zuletzt jenes selbst, was schön ist, erkenne.“

Beates Bilder bieten uns diese Stufen, eine solche Leiter. Doch die Leiter der Erkenntnis ist eine heikle Apparatur. Noch einmal Ludwig Wittgenstein: „Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)“

Angesichts der heutigen Weltlage können wir uns natürlich fragen, ob soviel Schönheit überhaupt erlaubt ist. Diese Frage richtete Louis Aragon angesichts des II. Weltkriegs und der Besatzung Frankreichs durch die deutschen Nationalsozialisten so oder ähnlich auch an Henri Matisse. Der französische Schriftsteller und Mitbegründer des Surrealismus’ warf dem Maler vor, in den schlimmsten Zeiten Frauen, Blumen und Zitronenfalter zu malen. Woraufhin Matisse entgegnet haben soll: „Man muss sich seiner Haut zu wehren wissen!“

Eine Haltung, die Beate Köhne sicherlich unterschreiben würde. Denn dem nihilistischen Nichts – diesem: Nur aus radikalem Widerstand und aus der Zertrümmerung des Alten entsteht etwas Neues – hält Beate malend und kraftvoll das Schöne entgegen. Die Schönheit als Denkbewegung.

Beate Köhne (*1969) ist eine deutsche Malerin. Sie studierte Germanistik, Biologie und Psychologie an der Universität Bielefeld. Seit 2000 sind die Kunstwerke von Beate Köhne regelmäßig in Ausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Sie erhielt mehrere Stipendien, ihre Gemälde befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Ausstellungen (Auswahl):

2026
Where There is Light…, Galerie Mönch Berlin (EA)
Home is Where Your Heart is, Zwitschermaschine, Berlin
Affinity, 44AD Artspace, Bath, UK
2025 Internationales Künstlersymposium, Atelier an der Donau, Ybbs, AT
2024 Hängende Gärten, Pomonatempel, Potsdam (EA)
2023 Uferzone, Kunstverein Melle, Melle (EA)
20 Years of Art Point Gumno, MKC, Skopje, Nordmazedonien
OFF Art Week 2023, Kunsthalle Brennabor, Brandenburg a.d. Havel
2022 Lichtspiele, Galerie Christine Knauber, Berlin (EA)
zuweilen immergrün, Galerie Sheriban Türkmen, Berlin (EA)Eden und andere Illusionen, Galerie Verein Berliner Künstler, Berlin
2020 Out And About (mit Torsten Schumann), Städtische Galerie Lehrte (EA)
KUNSTKKA #3, Rathenau-Hallen, Berlin
2019 Kunstpreis der AOK Nordost (Wanderausstellung), AOK Schwerin, Berlin, Teltow
Stir It Up – Klasse Norbert Bisky reloaded, Elsa Art/& Raum, Bielefeld
Fresh Legs 2019, Inselgalerie, Berlin
Falling Walls, Stroud Valleys Artspace (SVA), Stroud, UK
2018 Tour d’Horizon, Haus Kunst Mitte, Berlin (EA)
querbeet 7, Galerie Kunstmix, Bremen
Krapp Coop., Clausnitzer – Köhne – Nückel, Galerie im Tulla, Mannheim
Natur – Mensch, Martinikirche, St. Andreasberg (Katalog)
Show Up 5, Studio Hoppe, Braunschweig
KUNSTPREIS der Stadt Weilburg, Bergbau- und Stadtmuseum Weilburg an der Lahn (Katalog)Artisti a Venezia – Edizione V, Galleria Accorsi Arte, Venedig, Italien (Katalog)
2017 Vertigo, Kesselhaus im Oranienwerk, Oranienburg (EA)
Reiseskizzen, Gesellschaft der Freunde junger Kunst, Baden-Baden
Close Up – Klasse Bisky reloaded, Kunstquartier, bbk Osnabrück
Permanent Bleibtreu, Galerie Michaela Helfrich, Berlin
ARTMUC – Fair for Contemporary Art, Praterinsel, München
2016 Waldverwandtschaften, Galerie Sheriban Türkmen, Berlin (EA)
Was blieb, Westwendischer Kunstverein, Gartow
POP UP 2, Riemerling Studios, München
Long Time No See, Kunstquartier, bbk Osnabrück
2015 Stromlinien, Galerie B, Frankfurter Kunstverein (EA)
Unterholz, Galerie im Burgmannshof, Kunstverein Lübbecke (EA)Flagge zeigen, Gesellschaft für junge Kunst, Baden-Baden (Katalog)
2014 Florenreich, Galerie in der Alten Vogtei, Bielefeld (EA)
SUMMER 14, Atom Gallery, Irkutsk, RU
ARTIGES Biennale, Ottobrunn (Katalog)
25 Jahre Kunstverein Lübbecke, Speicher im Burgmannshof, Lübbecke (Katalog)
2013 Lichttage, Alte Bahnhofshalle Friedenau, Berlin (EA)
Macht Kunst by Deutsche Bank Kunsthalle, Alte Münze, Berlin
Landschaft, Galerie Jesse, Bielefeld
 2012 Rohnatur, ZiF Bielefeld (EA)
 2011
 2010 Frühblüher, Alte Bahnhofshalle Friedenau, Berlin (EA)
Fast harmonisch, KuBaSta, Hamburg
2008 Blattwerk, GRS Berlin, Berlin (EA)
Entweder Oder, Galerie für Koch und Kunst, Oderbruch
2006 Natur, Galerie Koch und Kunst, Groß Neuendorf, Oderbruch (EA)
2005 Pollenschauer, Galerie Zeitzone, Berlin (EA)
MARTa – eine Begegnung mit der Kunst, MARTa Museum für zeitgenössische Kunst, Herford
2004 Querformat 17, Künstlerhaus Bethanien, Berlin
2000 Innenwelten – Außenwelten, Saalbau Neukölln, Berlin