Max Hari | HOLD THE LINE (mit Franti?ek Klossner und Thomas Müllenbach)
Rede zur Ausstellungseröffnung | September 2015
Von Michaela Nolte

Max Haris Zeichnungen und Holzschnitten eignet etwas Notatartiges. Doch gründet seine Reduktion stets in einer profunden Emotionalität. Geschichten, die aus raschen, knappen Linien entstehen, aus der Andeutung von Formen und nie parlierend. Ein rätselhaftes Wesen zwischen Mensch und Tier und Steckenpferd sehen wir in einem der großformatigen Blätter im Vordergrund. Darin potentielle Landschaften: sanfte Hügel, Dünen vielleicht, eine Straßenecke im Regen. „Schauer“ lautet der Titel. Die Kohlespuren muten in dichten Verwischungen mal wie ein Fels an, dann wiederum wie ein zarter Schleier, der den Staub der Erinnerung wachruft. Vielleicht die Träume des fragmentierten Kopfes, der im Hintergrund schwebt, und durch den starken Druck des Kohlestiftes tiefschwarz ins Zentrum rückt.

Gleich daneben: Figuren wie aus einem Barlach-Drama. Sitzen sie an einer Kreuzung, einer Hausecke oder einem Schiff? Die Planke zwischen ihnen könnte auf Letzteres hindeuten. Eine große Gestalt mit geschlossenen, weiblich anmutenden Augen, eine kleinere und auf der linken Seite der großen Frau – da, wo wir den Arm vermuten -, ragt eine winzige weitere Figur hervor. Eine Anna selbdritt? Die heilige Anna, ihre Tochter Maria und das Jesuskind? Zugleich können es Gestrandete sein. Flüchtlinge der Gegenwart, der Vergangenheit und Zukunft. Die kurzen und heftigen Kohlestriche, bisweilen wirken sie wie Stacheldraht.

In der dritten Zeichnung von Max Haris „Schauer“-Serie trifft eine Figur auf einen schwarzen Kubus. Fällt, prallt auf, wie im heftigen Sturz. Ein Bild wie ein Paukenschlag. Der federleicht konturierte Schemen scheint auf dem massiven, schwarzen Block nachzufedern. Man hört die Wucht, spürt die Zeit und den Schmerz in der Magengegend. Das Aufeinanderprallen der Formen evoziert einen emotionalen wie auch materiellen Kontrast, der als Schöpfer dieser Zeichnung einen Bildhauer vermuten lassen könnte. Doch der 1950 in Thun geborene Max Hari ist Maler. Und wenn man genau schaut, wird der Maler trotz des Schwarzweiß der Kohlezeichnung sichtbar. Die Farbe fehlt nicht, sie ist vielmehr so extrahiert wie man den Wirkstoff einer Pflanze herausfiltert, um ihre Essenz zu gewinnen.

In der Serie „b.B.“ (bezüglich Beckmann) paraphrasiert Max Hari Werke von Max Beckmann und findet, mehr noch erfindet in der Transformation seine eigene Zeichen-Sprache. Denn natürlich geht es dem Künstler nicht um Kopien oder Skizzen zu Beckmann-Gemälden. Das Kantige von Beckmanns Realismus’ klingt in den Konturen von Max Hari nach. Erscheint extrem verdichtet und bekommt im Fokussieren einzelner Partien sowie in der Extraktion der Farbe eine ganz eigene Art der Abstraktion. Peter Althaus schreibt in seinem sehr schönen Begleittext zum „Schauer“-Portfolio von einem „tieferen >latenten< Realismus“.

In dem Querformat nach Beckmanns Filmatelier von 1933 sind die Figuren nur schemenhaft zu erahnen. Verwachsen mit den Raumkoordinaten zu einer anders gearteten Szenerie, zu einem ganz neuen Setting, dessen Raumelemente zu geometrischen Fragmenten und Fragen aufgelöst werden. Noch eindeutiger wird diese motivische und künstlerische Freiheit in den zwei äußeren Zeichnungen, sind sie doch beide nach einem Beckmann-Gemälde (Das Bad) entstanden.

Denkt man Max Haris so unterschiedliche Konklusionen zusammen, so ist nicht nur die Farbe im Duktus und in der Modulation aufgegangen. Auch Max Beckmanns ewiges Motiv der Frau als Hure und Heilige, als Verlockung und Gefahr scheint in die Gegenwart weitergedacht. In den Zwischenräumen von Blatt und Kohlestift, von abstrakten Lineaturen und gegenständlichen Funken, in den Zwischenräumen von Zeichnung und Betrachter entsteht das, was Harald Szeemann individuelle Mythologien genannt hat. Bei Max Hari finden wir nicht nur seine Künstler-Mythologie, sondern auch: Ihre, Deine, meine. Mithin, die individuellen Mythologien des Betrachters.

Eine scheinbar widersinnige Zeichen-Technik stellen Max Haris Holzschnitte dar. Die Platten sind nicht etwa ausgediente Druckstöcke von traditionellen Holzschnitten, sondern eigenständige, zeichnerische Werke. Nur benutzt Hari hier als Zeichenstift eine Kettensäge! Die vegetabilen Motive stehen dabei im veritablen Gegensatz zu der ungestümen Kraft und Rohheit dieses ungewöhnlichen Zeichengeräts. Kein Kettensägen-Massaker à la Christoph Schlingensief, keine schäumende Virilität à la Georg Baselitz. Der Künstler setzt der rauen Dynamik der Sägezähne ganz bewusst höchst sinnliche Formen entgegen. Mit den Spuren der Technik als Arabesken von innerer Schönheit.

Biographie

1950 in Thun geboren
Studium an der Schule für Gestaltung und an der Universität Bern
lebt und arbeitet in Langenthal und in Berlin.
bis 2012 Dozent für Zeichnung und Malerei, Hochschule der Künste Bern
seit 1984 zahlreiche Ausstellungen in der Schweiz und in Deutschland
Museumsausstellungen in den Kunstmuseen Bern, Biel, Grenchen,
Interlaken, Langenthal, Lugano, Olten, Solothurn und Thun
1990-94 Mitglied der Kommission für Kunst und Architektur des Kantons Bern
2000 Kulturpreis der Stadt Langenthal
2006 Preisträger im Wettbewerb der Kantonalen Kommission für Kunst
und Architektur für die Kunstmonografien des Kantons Bern
Max Hari lebt und arbeitet in Langenthal (CH) und Berlin.

Ausstellungen (Auswahl)

2017 Galerie Rössli, Balsthal, „O.T.“
Galerie Mönch Berlin, “Im Bild bleibt die Zeit stehen” Part IV | 40 Jahre Galerie Mönch Berlin
Kunstraum Oktogon, Bern, „Francisco de Goya – Max Hari”
2015 Henry-Dunant-Museum, Genf, “Solferino”
Galerie Mönch Berlin, „hold the line“ (mit Thomas Müllenbach und Franti?ek Klossner)
Kunsthalle Luzern “Solferino”
2014 Kunstraum Oktogon und Galerie Rigasssi, Bern, “Alles bleibt anders. Ein Rückblick.”
2013 Kunsthaus Grenchen, “Impression national 2013”
Kunsthaus Langenthal, Cantonale Berne Jura
2012 Kunstmuseum Thun, Cantonale Berne Jura
bau 4, Altbüron, “Bouquet de Fleurs du Mal”
Galerie Rigassi, Bern, Drawings
2011 Centre Pasquart Biel, Cantonale Berne Jura
Kunstmuseum Olten, “Blütenlese – Florilège”
Kunsthaus Grenchen, “Impression 2011”
2010 Kunsthaus Interlaken, “Der Brienzersee et ses environs”
2009 Galerie Klaus Lea, München
Landhaus Solothurn (mit Skulpturen von Hutter)
Galerie 89, Aarwangen
2008 Galerie Rössli, Balsthal
2007 Galerie Arthouse, Thun
Galerie Rigassi, Bern (mit Skulpturen von Martin Disler)
2006 Kunstmuseum Thun, Projektraum enter
Galerie 89, Aarwangen
2005 Galerie Veronica Kautsch, Michelstadt
2004 Galerie art felchlin, Zürich
Kunsthaus Langenthal, “persönlich”
2003 Kunstsalon Wolfsberg, Zürich
Kunstverein Olten im Stadthaus Olten (mit Skulpturen von Marco Eberle)