Klaus Fußmann - Malerei auf Leinwand und Papier, Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Mönch Berlin, 2013.
Von Michaela Nolte

„Mohn und Fingerhut” ragen im Vordergrund auf. Bildbestimmend dominieren sie die Grüntöne der Wiesen, lassen in weiter Ferne einen kleinen Streif des Waldes erkennen, in den sich das milde Blau-Weiß des Himmels mischt. Ein Blumenbild? Ein Blumenbild! Ein Landschaftsbild? Ein Landschaftsbild! Aber auch eine Art Portrait. Der Mohn, der in der Natur nur kurz, dafür aber so prachtvoll leuchtet, hat auch hier eine gehörige Portion Durchsetzungsvermögen. Besonders der Klatschmohn, dessen Rot schwebend wirkt und dennoch unsere Blicke auf sich zieht. Der violett- und mauvefarbene Fingerhut steht gelassen, wie beobachtend in dieser Szene, die blaue Digitalis dagegen scheint etwas aufmüpfig gegen das Rot anleuchten zu wollen. Noch etwas fällt auf. Während die Landschaft im Hintergrund in ruhig bewegtem bis lasierendem Farbauftrag dahinzieht, treten die Pflanzen und der Boden, auf dem sie wachsen, in pastoser Faktur aus dem Bild heraus, treten dem Betrachter geradezu entgegen. Gotthold Ephraim Lessing lässt in Emilia Galotti den Maler Conti sagen: „Daß wir nicht unmittelbar mit den Augen malen! Auf dem langen Wege, aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wie viel geht da verloren!” Bei Klaus Fußmann scheint dieser lange Weg überwunden, malerisch sozusagen verkürzt. In der Unmittelbarkeit seiner Bilder scheinen Auge und Pinsel, Eindruck und Ausführung in einem Atemzug zu liegen.

Über das Betrachten einer Weißdornhecke schreibt der Künstler: „Auf tausend Blättern funkelt das Mittagslicht und mein Blick verfängt sich in dem Verwirrenden aus Blättern, Trieben und kleinen gekrümmten Ästen. Einen vielstimmigen Gesang aus vier oder fünf Komponenten stimmt die Hecke an, der dann unendlich variierend weitergeht. Ich weiß natürlich, daß ich die rasselnden Geräusche der Heuschrecken auf die Erscheinung übertrage, doch entsprechen sie genau dem Vielerlei des zu Sehenden: die Hecke singt.” Und dazu, wie der Gesang der Hecke Einzug in die Kompositionen des Malers hält, heißt es weiter: „Nur im entschlossenen Zugriff kann ich das Rauschhafte mit ins Bild nehmen, denn würde ich Details addieren, wäre das Flüchtige der Erscheinung verloren, und was ich eigentlich zeigen wollte, würde mir im längeren Malprozess entgleiten.”

Ein solcher Prozess des raschen, rauschhaften Malens ist in der fließend flüchtigen Aquarelltechnik, im Acryl oder in der Gouache noch einigermaßen nachvollziehbar. Doch gelingt es Klaus Fußmann selbst in den schon materiell betrachtet schweren und beständigen Ölbildern das Flüchtige der Natur, ihren steten Kreislauf von Werden und Vergehen kongenial in Bewegung zu versetzen. Natürlich ist die Natur hier nicht mimetisches Abbild. Sowohl die Pflanzen als auch die Landschaften bleiben angedeutet. Doch im fein austarierten Komplementären von Rot und Grün, von Blau und Gelbtönen ballt sich die Stimmung eines Sommertags. Im satten Grün kündigt sich zugleich ein nahendes Ende an. Das Ende des Tages, das Ende des Sommers, aber eben auch die Endlichkeit der Dinge. Die Vergänglichkeit, in die die Natur dann wiederum auch ihre Spuren für das Kommende legt.

Die Öltechnik – an deren Schichten und Schichtungen manch anderer Künstler in ausgedehnten, ruhigen Arbeitsprozessen malt –, erfährt in Fußmanns raschen Pinsel- und Spachtelbewegungen eine Leichtigkeit, die noch den körperlichen Akt des Malens für den Betrachter nachvollziehbar werden lässt. Allein der Logik der Farben folgend, wie es Cézanne ausgedrückt hat. In seinen Gesprächen mit Gasquet heißt es: „Die Natur ordnet sich immer und gibt zu erkennen, was sie bedeutet, wenn man sie achtet.” In diesem Sinne gehört auch Klaus Fußmann zu den Künstler, die mit den „Augen denken”.
In dem Maße, in dem sich unsere heutige, reale Welt mehr und mehr in virtuelle Gefilde verlagert, in dem Maße scheint uns Klaus Fußmann die ganz realen Farben der Natur zurückgeben zu wollen. Sein Duktus hat in den letzten rund eineinhalb Jahrzehnten eine Pastosität entwickelt, die ihresgleichen sucht. Wie der Gärtner in der Erde gräbt, scheint der Künstler in seinem Material zu graben. Schicht um Schicht entstehen dabei wahre Farbgebirge, obwohl die Berge als Motiv eher selten sind. In den Graten und Spalten, in den Wellen, Furchen und Anhöhen – mithin im denkenden Auge des Künstlers – erscheinen selbst die Blumen wie Farblandschaften. Werden zu „paysages intimes” wie Théodore Rousseau es genannt hat. Zu vertrauten Landschaften, in denen Klaus Fußmann eine Rose oder zwei, drei fokussiert und herauskristallisiert wie unter dem Brennglas. Der dramatische Bildaufbau, in dem die „Rosen rot/gelb” wiederum die eigentliche Landschaft dominieren, verkürzt die Distanz zum Betrachterstandpunkt und zoomt in der extremen Nahsicht die Seele der Blumen heran. In ihrer Konzentriertheit lassen manche dieser Blumenstücke an Stillleben denken. Zugleich aber bleibt auch der Landschaftsaspekt präsent. Das Malen IN der Natur. Nun sieht die Pleinairmalerei auf eine Tradition von mehr als eineinhalb Jahrhunderten zurück. Aber Klaus Fußmann gibt dieser Tradition neue Impulse. Nicht zuletzt wenn sich in seinen rauen, haptischen Schichtungen, die ureigene Kraft der Naturerscheinungen spiegelt, während die Farben die ganze Vielfältigkeit ihrer Schönheit anstimmen.

Das ist im Sinne Cézannes durchaus eine „Harmonie parallel zur Natur”. Denn die Natur hat eben Ecken und Kanten -, und sie hat zauberhafte Farben. Diese Polaritäten scheinen im Duktus, in den Farb-Strukturen von Klaus Fußmann tief verwurzelt. Es ist der fruchtbare Widerstreit, der die unmittelbare Wucht der Farbzüge und -schwünge in dem Rosenbildnis oder in der „Japanischen Kirsche” so gegenwärtig macht und real. Zugleich weisen sie über das Hier und Jetzt hinaus. Der Vergänglichkeit und Auflösung stehen in „Rosen rot/gelb” erdgeschichtliche Prozesse gegenüber, die sich in den terrakottafarbenen, grau-braunen Tönen und im reliefartigen Auftrag gleichsam abzulagern scheinen. Im Hintergrund der endlichen Rosen trägt das Dauerhafte ihre Melancholie gleich einem Fundament. Symbolisiert den immer währenden Widerstreit der Realität. Dabei hat Klaus Fußmann 1991 geschrieben: „es gibt keine Realität mehr in der Kunst”. Denn er ist nicht nur ein begnadeter Künstler, sondern auch ein wortmächtiger Autor, der sich in zahlreichen Publikationen und Beiträgen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung immer wieder als streitbarer Geist und vehementer Verfechter für die gegenständliche Malerei eingesetzt hat. Für die Malerei überhaupt, deren wiederholt beschworenes Ende besonders in den 1980er-Jahren die Kunstdiskussionen bestimmt hat. Ab Mitte der 90er wurden diese Stimmen wieder ruhiger, allenthalben wurde eine „Malerei nach dem Ende der Malerei” gefeiert. Eine Renaissance also beschworen, die es so gar nicht geben konnte. Denn ganz gleich wie tot oder wiederauferstanden die Malerei apostrophiert wurde – Klaus Fußmann hat durchgemalt. Dass sie noch lange nicht am Ende ist, dafür ist er glücklicherweise nicht das einzige, aber in seinem unerschöpflichen Erfindungsreichtum eines der lebendigsten Beispiele.

Der Aussage „es gibt keine Realität mehr in der Kunst” möchte ich nicht widersprechen, aber ihr mit Verlaub doch etwas entgegenstellen, was die Gemälde wie auch die Papierarbeiten von Klaus Fußmann so wunderbar bereithalten: Den Zauber der Realität. In seinem Essay über Marcel Proust schreibt Samuel Beckett: „>Zauber der Realität< erscheint paradox. Aber wenn das Objekt als einzeln und einmalig wahrgenommen wird, (.) wenn es unabhängig von jedem Allgemeinbegriff und losgelöst von der Gesundheit eines Grundes, isoliert und unerklärlich – im Licht der Unwissenheit erscheint, dann und nur dann kann es eine Quelle des Zaubers sein. Unglücklicherweise hat die Gewohnheit dieser Form der Wahrnehmung ihr Veto entgegengestellt, da ihre Tätigkeit gerade darin besteht, das Wesen – die Idee – des Objektes im Nebel von Urteil – Vorurteil – zu verbergen.”

Die Kunst von Klaus Fußmann wirkt gegen diese Form von Gewohnheit. In dem sie uns das Vertraute neu sehen lässt und nicht zuletzt in der Entwicklung seiner Farb-Reliefs mit ihrem ganz eigenen Duktus und dieser unvergleichlichen Mischung aus Schönheit und Verletzlichkeit, aus urwüchsiger Kraft und ephemeren Momenten. Ungewöhnlich ist ebenso das spannungsvolle Ineinandergreifen der verschiedenen Genres. Das Verschmelzen von Landschafts- und Blumenstück, Stillleben und Portrait zu einer ganz eigenen Einheit. Die Farbe wird nicht zerlegt wie im Impressionismus, auch nicht zertrümmert wie in Jean Dubuffets Art brut oder in den Werken der 50er-Jahre von Emil Schumacher. Die Farbe wird zum Material, in dem der Gegenstand bis an die Grenzen seiner Form nicht aufgelöst, sondern aufzugehen scheint.

Der Rückgriff auf das Beckett-Zitat mit dem Zauber der Realität fußt auf einem ganz realen Erlebnis. In der Galerie war ein kleines Ölbild ausgestellt, durchaus ein Landschaftskosmos auf lediglich 18 x 22 Zentimetern. Vielleicht lag es an der Richtung vom Rot in ein starkes Violett, aber die Abendstimmung erschien mir ein wenig pathetisch. Eines Tages fuhren wir nach Gelting, ins Sommerhaus von Klaus und Barbara Fußmann. Es war Winter, wir kamen kurz vor Einbruch der Dunkelheit an und ich ging in den ersten Stock, wo die Schlafräume liegen. Beim Blick aus dem Fenster stand sie dann vor mir – diese unbeschreibliche „Farbenlogik”. Der Abendhimmel wie auf dem kleinen Ölgemälde in seinem ganz realen Zauber.

Mit einiger Verwunderung habe ich in einem kürzlich erschienen Interview im Tagesspiegel gelesen, dass Klaus Fußmann sich als Pessimist sieht. „Aus dieser misanthropischen Situation heraus male ich”, so der Künstler. Vielleicht bin ich zu sehr von Bruno Ganz als Molières Alceste geprägt, aber einen Misanthropen habe ich mir wahrlich anders vorgestellt. In den Bildern von Klaus Fußmann begegnen wir einem Künstler, der uns die Natur erfahrbar macht. Uns entlang der Küste oder durch Gärten und Landschaften führt, in denen sich immer auch das Dasein spiegelt. Natürlich mit seinen Schatten-, vor allem aber mit seinen farbigen Lichtseiten. Gerade so, wie in Beethovens „Pastorale ” auf den Gewitter-Satz, das Allegretto folgt, mit den frohen und dankbaren Gefühlen nach dem Sturm.

Zum 70. Geburtstag | Werke von 1978 bis 2007 | Ausstellung 2008

Der Maler Klaus Fußmann begeht im März dieses Jahres seinen 70. Geburtstag. Wir freuen uns, Ihnen aus diesem Anlass Ölbilder, Arbeiten auf Papier und Druckgrafiken aus rund drei Jahrzehnten präsentieren zu können.

Den Auftakt macht das Interieur “Aktsaal” von 1978. Ein Steindruck, dessen Modulationen von Grau, Schwarz und Weiß sowie die flächige Gestaltung exemplarisch für das Fußmannsche Oeuvre dieser Zeit stehen und für seinen auf das Existenzielle konzentrierten Realismus. Über eine faszinierende Aquatinta aus der Island-Serie von 1982 sowie vielfältige florale Motive bis zu dem 2006 entstandenen Linolschnitt einer “Landschaft vor Ostsee” reicht die Spanne der insgesamt 29 Blätter, mit denen die Ausstellung einen Überblick über das druckgrafische Werk vermittelt.

Die Auswahl der Arbeiten auf Papier runden außerdem ruhig timbrierte Landschaften und farbintensive Blumenpracht in Form von Aquarellen, Gouachen und Pastellen ab.

Im Kontrast hierzu steht das Impasto der im letzten Jahrzehnt entstandenen Ölbilder, mit denen Klaus Fußmann in neue Farb-Territorien vorgedrungen ist. Landschaften, Florales oder Figürliches materialisieren sich im puren Klang der Farbe, pastos und filigran zugleich. Ein Fest der Augenlust und der Sinne, bei dem sich aus der ungegenständlichen Farbe und ihren überbordenden Schichten und Krusten ganz allmählich der ‘Gegenstand’ herauskristallisiert.

Höhepunkt der Ausstellung ist das 90 x 75 Zentimeter messende Ölbildnis “B. im Garten Gelting” aus dem Jahre 1998. Aber auch die kleinformatigen Leinwände wie “Rosen” oder ein “Stillleben” entzünden die Phantasie des Betrachters mit ihren aus dem Bildraum hervorkragenden Kanten und Schrunden. Die abstrakt anmutenden Farbkonglomerate lenken den Blick auf das Wesen der Dinge. So auch, wenn sich auf einer unbetitelten, 17 x 21 Zentimeter ‘großen’ Leinwand Farbschwünge aus roten Flecken und aufgewühlten Blau-Nuancierungen zu einem Sonnenuntergang am Meer erheben, mit allen Tiefen und Untiefen.

Biographie:

1938 geboren in Velbert / Rheinland
1957-1961 Studien an der Folkwang-Schule Essen
1962-1966 Studium an der Hochschule für Bildende Künste, Berlin
1974-2005 Professur an der HdK Berlin, heute Universität der Künste
Klaus Fußmann lebt und arbeitet in Berlin und Gelting

Ausstellungen (Auswahl)

1972 Villa Hammerschmidt, Bonn
Neue Nationalgalerie, Berlin
Preis der Böttcherstraße, Bremen
Preis der Villa Romana, Florenz
1977 Overbeck-Gesellschaft, Lübeck
1979 Preis der Stadt Darmstadt
1980 Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen
1982 Mathildenhöhe, Darmstadt
Landesmuseum Oldenburg
1985 Hirshhorn Museum, Washington DC, USA
1987 Retrospektive Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum
1988 Henri-Nannen-Museum, Emden
1989 Mitglied der Freien Akademie Hamburg
1991 Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Albertina)
1992 Retrospektive Kunsthalle Bremen
Kloster Zismar, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum
1996/97 Bundeskanzleramt Bonn
1997 Sächsischer Landtag Dresden
Deutsches Historisches Museum, Berlin
1998 Landesbibliothek Schleswig-Holstein, Kiel
2000 Kloster Zismar, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum
2002 SAP Walldorf
2003 Retrospektive Museum am Ostwall, Dortmund
2005 “UdK – Professorinnen und Professoren der Fakultät Bildende Künste”
Berlinische Galerie, Berlin
2006 MMK Museum Moderner Kunst – Stiftung Wörlen, Passau
2008 “Allegorie und Mythos” Mannheimer Kunstverein, Mannheim
2010 Grafik VI (2005-2010), Kloster Cismar
2011 “Landschaft am Horizont” Ostholstein-Museum, Eutin
2013 “Zwischen Himmel, Erde und Wasser” Retrospektive, Osthaus Museum, Hagen
Malerei auf Leinwand und Papier. Anlässlich des 75. Geburtstags, Galerie Mönch, Berlin
2014 Oberhessisches Museum, Gießen
2015 “Landschaften • Blumenbildnisse” Galerie Mönch Berlin
2016 “Stadt Land Seen” Ostholstein-Museum, Eutin
Galerie Mönch auf der POSITIONS BERLIN Art Fair