Sometimes I wonder

Just what am I fighting for?

I win some battles

But I always lose the war

I keep right on stumblin’

In this no-man’s land out here

B.B. King

Zu den Bildern von Rainer Maria Schopp

Von Matthias Reichelt

Mit selbstbewusstem Grinsen, verdreckten Schuhen und Bomberjacke steht der kleine türkische oder kurdische Junge auf dem ehemaligen Grenz- und Todesstreifen, der Berlin-Mitte am Bethaniendamm von Kreuzberg trennte. Im Hintergrund zu sehen ist das 1932 für den Deutschen Verkehrsbund errichtete Gebäude am Engeldamm. Der Entwurf stammte von Bruno Taut, war aber nochmals von seinem Bruder Max Taut modifiziert worden. Unter den Nazis diente es der „Deutschen Arbeitsfront“ und wurde in der DDR vom FDGB (Freien Deutschen Gewerkschaftsbund) genutzt.

Geschichtsträchtige Architektur an neuralgischem Ort. Das Schwarzweißfoto von Rainer Maria Schopp entstand nach dem Ende des Kalten Krieges, besiegelt mit dem Abriss der Mauer, und in der Zeit des Übergangs von der Zweistaatlichkeit zur Vereinigung beider deutscher Staaten irgendwann in den ganz frühen 1990er Jahren – das genaue Aufnahmedatum ist nicht überliefert. Der Junge blickt auf der Brache des Grenzstreifens en face in die Kamera des Fotografen, der sich zwecks Augenhöhe in die Hocke begeben haben muss. Die Mimik und die coole, ja lässige Haltung des Jungen lassen ihn regelrecht größer, wie einen heimlichen König des Terrains erscheinen. Als ob er selber tatkräftig für den Abriss der Grenzanlage gesorgt habe und nach vollbrachtem Werk sich stolz vor den letzten Rudimenten der Mauer dem Fotografen stellte.

 

Rainer Maria Schopps hinterlassene Bilder belegen einen untrüglichen Blick für das Transitorische sowohl im Kleinteiligen als auch im großen Maßstab. Mikro- und Makro-Perspektiven, die gedankliche Räume eröffnen und die Betrachter*innen auf eine metaphorische Assoziationsbahn katapultieren. Unweigerlich kommen dann das große Ganze, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die treibenden Kräfte der Veränderung ins Spiel, ohne dass sie bei Schopp visuell direkt illustriert wurden. Das macht den großen Reiz seiner poetischen Bilder aus, denn sie verleiten uns dazu, auf Entdeckung zu gehen und sie lesen zu wollen. Vielleicht liegt das Geheimnis guter Fotografien darin, dass es ihnen mit nur einem Teil des Motivs gelingt, sofort unsere Aufmerksamkeit zu bannen, uns sozusagen in das Bild hineinzoomen, bevor wir es in Gänze wahrnehmen. Von hier aus unternehmen das Auge und das Gehirn ein Abrücken, zoomen sich aus dem unser Interesse bannenden Objekt heraus, um den vom Fotografen eingefangenen Kontext zu erkunden. Woraus weitere Befragungen und Untersuchungen des Bildes folgen. Bei dem oben erwähnten Bild ist es das charmante, aber auch freche Lächeln des Jungen, seine selbstbewusste Mimik und Haltung. Alles Weitere folgt später.

Unter den Fotografien von Rainer Maria Schopp gibt es mehrere solcher vielleicht sogar ikonentauglichen Bilder.

Eine Stadtszene im Winter. Frankfurter Allee 1991. Hinten stapfen Leute durch den hohen Schnee. Ganz vorne blickt ein weißer Pudel mit einem schwarzen Damenhandschuh im Maul, wahrscheinlich auf seine Besitzerin wartend, der Kamera entgegen. Unten im Bild, aber durchaus im Zentrum der Vertikale, an deren oberem Ende der Fernsehturm am Alexanderplatz schemenhaft im Nebel zu erkennen ist. Der Pudel und der lange, elegante Damenhandschuh passen eher zu einer westlichen Metropole wie Paris oder New York, nicht zu dem recht sang- und klanglos verschwundenen „Arbeiter- und Bauernstaat“.

Spuren einer zum Aufnahmezeitpunkt langsam im Verschwinden begriffenen Technik finden sich in Rainer Maria Schopps 1990 in Moabit aufgenommenem Bild eines Fotoautomaten, den er in einem halb zerstörten und völlig disfunktional geworden Zustand zeigt. Der Einwurf von 3 DM ermöglichte einst das Öffnen einer Klappe zur Entnahme eines Filmes. Nachschub für den dringenden Bedarf auch nachts und an den Wochenenden. Ein für die digitalen Generationen heute völlig unvorstellbarer Zustand. Schopps ethnografische Neugier fokussiert eindrücklich den Moment einer auslaufenden Technik. Wie ein zynischer Abgesang oder ein „Tritt in den Hintern“ sind die Fächer des Automaten zu kleinen Müllcontainer umfunktioniert worden. Unter anderem ist hinter einer Klappe eine zerknüllte Coca-Cola-Dose zu sehen, die bis heute als Inbegriff US-amerikanischer Konsumkultur global überlebt hat und zudem mittlerweile als ökologisch höchst bedenklich gilt.

 

Rainer Maria Schopp war in Westberlin sozialisiert, was einigen Motiven deutlich anzumerken ist. Aufgewachsen und zur Schule gegangen in Kreuzberg und Wilmersdorf, hatte der 1950 geborene Rainer Maria seine Vornamen nicht in Anlehnung an Rilke, sondern an den Maler Rainer Maria Küchenmeister (1926–2010) erhalten. Dieser hatte zum Umfeld der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ gehört. Er war der Sohn des kommunistischen Drehers Walter Küchenmeister, der 1943 in Plötzensee hingerichtet worden war und in der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss Erwähnung findet.

Ein im Kontext des kritischen Westberliner Blicks „programmatisches“ Bild zeigt das „Studio“ am Adenauerplatz 1991, als das Kino bereits nicht mehr existierte. Die marode Leuchtschrift, der verrammelte Eingang, gesäumt von einem Stadttrinker und einem Plakat der Band „Rainbirds“, 1986 von Katharina Franck begründet und nach einem Tom Waits-Song benannt. Im 1977 von Rainer-Götz Otto gegründeten „Studio“ am Adenauerplatz hatten viele Underground-Filme Premiere. So auch Lothar Lamberts „Albtraumfrau“, der „über achtzig Tage lang ausverkauft war und über 30.000 Zuschauer hatte“. Schopps Fotografie hält den Niedergang der Off-Kinoszene in einem eindringlichen Bild fest und bekommt aktuell eine zusätzliche Bedeutung als Memento mori der durch die Covid-19-Maßnahmen massiv bedrohten Kinokultur.

Nach dem Mauerfall entstanden während ausgedehnter Touren viele Fotografien in Ostberlin, was für Rainer Maria Schopp einen besonderen Reiz besaß – wie seine ehemalige Lebensgefährtin und Arbeitskollegin Sabine Nerlinger erzählt –, da hier noch Zeugnisse der Vergangenheit anzutreffen waren, die im westlichen Teil der Stadt längst ausradiert waren. Der Zustand der östlichen Bezirke und Straßen, die alten Werbungen für Geschäfte und Handwerke – „für ihn war das so, wie Kreuzberg früher war: grau und unsaniert“. Die Fotografien verweisen in eine bereits damals vergangene, befremdend wirkende Zeit zurück. In der Kastanienallee bewegt sich ein einbeiniger Mann mit zwei Krücken an einer Häuserfront vorbei. Verblasste Schilder künden von einer Schuhmacherei und einer Feinbäckerei mit Brot, Torten, Weiss- und Teegebäck. Doch an beiden Läden sind die Rollläden heruntergelassen. Seit Jahren schon oder sind es Opfer der „neuen“ Zeit?

 

So wie Rainer Maria Schopp mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie und den Möglichkeiten der Computerbearbeitung experimentierte, so hat er bereits vorher mit großer Neugier für photochemische Modifikationen mit Eisenchlorid oder durch Verwendung des Infrarotfilms an einer Erweiterung seiner Ausdrucksmöglichkeiten gearbeitet. Der Nachlass des Fotografen birgt Aufnahmen, die ausgedehnten Reisen ins europäische Ausland und in die USA entstammen. Während einer seiner Schwedenreisen dokumentierte er alle Einstellungen seiner Aufnahmen minutiös und schrieb sie auf eine Pergamin-Seite, die samt Selbstporträt Eingang in ein Künstlerbuch fand, gebunden von Sabine Nerlinger.

Der Infrarotfilm verändert Weiß- und Schwarzwerte dramatisch. Die Landschaftsaufnahmen werden sehr plastisch, die Büsche und Bäume erscheinen in gleißenden Weißtönen, während der Himmel zu einem fast schwarzen Hintergrund geriert, vor dem sich die leichten Wolkengebilde hell abheben. Assoziationen an das grelle Licht mit Überbelichtungen auf Bildern von den Atombombenversuchen in Los Alamos schießen uns in den Kopf.

Bizarr bis unheimlich sind die ausgetragenen und verwaisten Schuhe, die mitten in einer menschenleeren Landschaft auf herumliegenden Bohlen platziert sind. Die Wiese erscheint fibrös weißlich, ebenso die Bäume. Die Bilder beunruhigen, sie flirren vor unseren Augen. Auf einer Fotografie steht eine Gruppe von Kindern an einem VW-Käfer-Wrack vor einem Backsteinbungalow. Sie haben den Fotografen entdeckt und schauen ihm belustigt bei seiner Arbeit zu. Die Bilder erhalten durch die Farbmodulierung den Charakter von entrückten Träumen, von Unwirklichem oder Surrealem.

 

Seinen Lebensunterhalt verdiente der studierte Grafikdesigner als Reprofotograf in der Staatlichen Kunsthalle Berlin, die unter der Ägide des Gründungsdirektors Dieter Ruckhaberle von 1976 bis 1994 existierte, und in der Druckwerkstatt des BBK (Berufsverband Bildender Künstler). In einem Punkt stimmen alle Berichte über Rainer-Maria Schopp überein: Seine Achtung vor den Künstler*innen und ihrem Handwerk war groß, allerdings hatte er eine Abneigung gegenüber den Auswüchsen eines narzisstischen Kunstbetriebs. Weshalb er sich zu Lebzeiten nur wenige Male zu Ausstellungen bereit erklärte. Publiziert wurden seine Fotografien in der Edition Mariannenpresse, in der Tabor Presse sowie in der von Uwe Warnke 1982 in der DDR gegründeten und bis heute existierenden Künstlerzeitschrift „Entwerter/ Oder“.

Viele der Freund*innen erinnern ihn als ausgezeichneten Blues-Gitarristen, der in unterschiedlichen Formationen auftrat. Diese Blues-Begeisterung führte ihn 1991 nach Philadelphia zum dortigen Blues-Festival, auf dem er auch sein Idol B.B. King traf, den er zusammen mit dessen geliebter Gitarre „Lucille“ im Profil portraitierte.

Bei der eingangs beschriebenen Fotografie befand sich Rainer Maria Schopp in unmittelbarer Nähe der Druckwerkstatt des BBK, wo er seit 1978 – zunächst als Reprograph und später im Bereich der neuen, digitalen Medien – gearbeitet hat. Als das Kulturwerk des BBK den digitalen Bereich auf Kosten der traditionellen Drucktechniken ausbauen wollte, wurden die umstrittenen Pläne heftig diskutiert. Schopp selbst hätte davon profitiert. Dass aber seinen Kolleg*innen von der Radierpresse oder von der Lithografie die Kündigung drohte, hat ihn sehr getroffen. Am 29.9.1997 hat Rainer Maria Schopp Suizid begangen. Ein Kollege fand ihn in der Dunkelkammer der Druckwerkstatt. Auch sein Freitod hat seinerzeit hohe Wellen geschlagen. Die klassischen Drucktechniken werden bis heute in der Druckwerkstatt am Mariannenplatz angeboten.

Rainer Maria Schopps Seitenblicke

Im Rahmen des EMOP Berlin – European Month of Photography 2020

 

Kein Ende der Geschichte, kein Triumph des Liberalismus. Nirgends. Rainer Maria Schopp (*1950; †1997) hat im Europa der 1980er- und 90er-Jahre Geschichten von verwaisten Städten, vergessenen Dörfern und Menschen fotografiert, die immer wieder durch das Raster der Geschichte fallen.

 

Ecken und Schlupfwinkel, die von Berlin bis London, Amsterdam oder Prag, in Schweden ebenso wie in Österreich eine beunruhigende Ähnlichkeit verbindet. Munchs „Schrei“ als Graffiti in der Nähe des Martin Gropius Baus, eine Ordensschwester vor den Toren des Schlossparks Sanssouci: die Spendendose wie im Anschlag, blickt sie grimmig auf ein verendetes Reh. Auf einer verfallenen Altbaufassade steht in großen Lettern „Schuhmacherei“. Davor läuft durch die menschenleere Straße ein Einbeiniger auf zwei Krücken.

 

Die Ausstellung legt den Fokus auf Serien des 1950 in West-Berlin geborenen Fotografen, die einen satirischen, bisweilen sarkastischen Blickwinkel auf die Auflösung des eisernen Vorhangs und den Fall der Berliner Mauer werfen. Bilder jenseits des Vereinigungstaumels. Bitterböse Vorahnung einer Zukunft, die heutzutage unsere Gegenwart ist.

Funde sind Kindern, was Erwachsenen Siege
(Walter Benjamin)

Von Michaela Nolte

Rainer Maria Schopp war Spurenfinder. Mit untrüglicher Gabe für die Beobachtung des Zufalls las er Schuhe im Schnee auf, wo andere über das verschneite und verlassene Paar bestenfalls stolpern – es wahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen würden. Rainer Maria Schopp waren derlei stille Momente und strauchelnde Situationen Anlass, sie als Motiv ins Zentrum seiner Bilder, respektive der Wahrnehmung zu rücken. Im schwarz-weißen Fokus auf das, was vom Alltag übrigbleibt, verlieh der 1950 geborene Fotograf und Grafiker den Fragmenten der Welt eine melancholische und bisweilen bitter-ironische Gestalt.

 

Sein glasklarer Blick hinter den Schleier grauer Alltäglichkeit filterte poetische Kompositionen aus kuriosen Details in abgelegenen Winkeln oder Mauern und Hauswänden eingeschriebenen Zeichen. Rainer Maria Schopps Aufnahmen arrangieren Strukturen des scheinbar Banalen zu grafischer Dichte und atmosphärischem Farbklang, bis hin zur Haptizität: man glaubt die Fetzen abgerissener Plakate oder abblätternder Farbschichten an verrotteten Eisentüren greifen zu können.

 

Dabei stellen die Bildmotive stets sich selbst dar – sind weder inszeniert noch durch Kunstlicht beeinflusst. Rainer Maria Schopp verzichtete auf konkrete Farbe ebenso wie auf die Bearbeitung im Labor oder am Computer. Seine kompositorischen Mittel waren ausschließlich evidenter und klassischer Natur: der Standpunkt der Kamera, das natürliche Licht, der Brennpunkt – der zufällige Ausschnitt einer kunstlosen Wirklichkeit. Hierin generieren seine Fotografien den öffentlichen Raum zur empathische Projektionsfläche der Erinnerung; Momentaufnahmen, die in der Stadt- wie in der Landschafts-Metapher vor allem den abwesenden Menschen mitdenken und evozieren.

 

Nach seinem Freitod im Jahre 1997 hinterließ Rainer Maria Schopp ein faszinierend hintergründiges wie umfangreiches Konvolut an Vintage-Prints, die er Zeit seines Lebens nicht öffentlich präsentierte, die jedoch fast lückenlos von ihm mit seinem Stempel, mit Datum und Ortsangabe dokumentiert wurden.

Biographie:

1950 geboren in Berlin
1969-1974 Grafik-Design-Studium an der Hochschule der Künste (heutige UdK), Berlin
ab 1976 Arbeit als freischaffender Fotograf
ab 1978 Mitarbeiter in der Druckwerkstatt des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK, Berlin)
ab 1986 Arbeitsaufenthalte u.a. in den USA, in Schweden und Prag
1997 verstorben in Berlin

Ausstellungen

2020 SEITENBLICKE im Rahmen des EMOP Berlin – European Month of Photography 2020, Galerie Mönch Berlin
2017 IM BILD BLEIBT DIE ZEIT STEHEN | Part V | 40 Jahre Galerie Mönch Berlin
2012 Kabinettausstellung, Galerie Mönch Berlin
2007 RAINER MARIA SCHOPP. Anlässlich des 10. Todestages, Galerie Mönch Berlin (EA)
2005 PHOTOWORKS, Galerie Mönch Berlin
2004 Photographie (mit Walther Grunwald), Galerie Mönch Berlin (EA)
2003 Landschaften, Galerie Mönch Berlin
2000 Rainer Maria Schopp, STADT-LANDSCHAFT, Galerie Mönch Berlin (EA)
1998 RAINER MARIA SCHOPP, Galerie Mönch Berlin (EA)
1997 RAINER MARIA SCHOPP, Druckwerkstatt im Bethanien, Kulturwerk des BBK (Berufsverband Bildender Künstler), Berlin
1995 SOUND LAB EXPERIENCE (Rainer Maria Schopp alias digitrash) Bethanien, Berlin
1993 Ceçi ne pas un livre (Buchobjekte), Galerie Mönch Berlin
Kontraste, Galerie Mönch
Buch und Kunst – Kunst und Kalender, Kulturforum Villa Oppenheim, Berlin