Funde sind Kindern, was Erwachsenen Siege (Walter Benjamin)

Rainer Maria Schopp war Spurenfinder. Mit untrüglicher Gabe für die Beobachtung des Zufalls las er Schuhe im Schnee auf, wo andere über das verschneite und verlassene Paar bestenfalls stolpern – es wahrscheinlich nicht einmal wahrnehmen würden. Rainer Maria Schopp waren derlei stille Momente und strauchelnde Situationen Anlass, sie als Motiv ins Zentrum seiner Bilder, respektive der Wahrnehmung zu rücken. Im schwarz-weißen Fokus auf das, was vom Alltag übrigbleibt, verlieh der 1950 geborene Fotograf und Grafiker den Fragmenten der Welt eine melancholische und bisweilen bitter-ironische Gestalt. Sein glasklarer Blick hinter den Schleier grauer Alltäglichkeit filterte poetische Kompositionen aus kuriosen Details in abgelegenen Winkeln oder Mauern und Hauswänden eingeschriebenen Zeichen. Rainer Maria Schopps Aufnahmen arrangieren Strukturen des scheinbar Banalen zu grafischer Dichte und atmosphärischem Farbklang, bis hin zur Haptizität: man glaubt die Fetzen abgerissener Plakate oder abblätternder Farbschichten an verrotteten Eisentüren greifen zu können.

Dabei stellen die Bildmotive stets sich selbst dar – sind weder inszeniert noch durch Kunstlicht beeinflusst. Rainer Maria Schopp verzichtete auf konkrete Farbe ebenso wie auf die Bearbeitung im Labor oder am Computer. Seine kompositorischen Mittel waren ausschließlich evidenter und klassischer Natur: der Standpunkt der Kamera, das natürliche Licht, der Brennpunkt – der zufällige Ausschnitt einer kunstlosen Wirklichkeit. Hierin generieren seine Fotografien den öffentlichen Raum zur empathische Projektionsfläche der Erinnerung; Momentaufnahmen, die in der Stadt- wie in der Landschafts-Metapher vor allem den abwesenden Menschen mitdenken und evozieren.

Nach seinem Tod im Jahre 1997 hinterließ Rainer Maria Schopp ein faszinierend hintergründiges wie umfangreiches Konvolut an Vintage-Prints, die er Zeit seines Lebens nicht öffentlich präsentierte, die jedoch fast lückenlos von ihm mit seinem Stempel, mit Datum und Ortsangabe dokumentiert wurden.

Biographie:

1950 geboren in Berlin
1969-1974 Grafik-Design-Studium an der Hochschule der Künste (heutige UdK), Berlin
ab 1976 Arbeit als freischaffender Fotograf
ab 1978 Mitarbeiter in der Druckwerkstatt des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK, Berlin)
ab 1986 Arbeitsaufenthalte u.a. in den USA, in Schweden und Prag
1997 verstorben in Berlin

Ausstellungen

2017 IM BILD BLEIBT DIE ZEIT STEHEN | Part V | 40 Jahre Galerie Mönch Berlin (November)
2012 Kabinettausstellung, Galerie Mönch Berlin
2007 Rainer Maria Schopp. Anlässlich des 10. Todestages, Galerie Mönch Berlin (EA)
2005 PHOTOWORKS, Galerie Mönch Berlin
2004 Photographie (mit Walther Grunwald), Galerie Mönch Berlin (EA)
2003 Landschaften, Galerie Mönch Berlin
2000 Rainer Maria Schopp, Galerie Mönch Berlin (EA)
1998 Rainer Maria Schopp, Galerie Mönch Berlin (EA)
1993 Ceçi ne pas un livre (Buchobjekte), Galerie Mönch Berlin
1991 Rainer Maria Schopp und Hansi Sprenger, Galerie Mönch Berlin