VERSANDET | Schwarzweißfotografien aus der Sahara | Ausstellung 2016
Felsbilder aus der Sahara, für das Archiv für Kunst und Geschichte (AKG)
AM RANDE DER STILLE
ABSCHIED ENTGLEITEND | Ausstellung 2004
MARKIERUNGEN
MENSCHENBLICKE
Das Ideal ist nichts als die Wahrheit von weitem.
Alphonse de Lammartine

Noch während des Architektur-Studiums an der Technischen Universität Berlin hat Walther Grunwald die Leica-Schule besucht und anschließend – neben der Tätigkeit als Architekt (u.a. bei Philip Johnson) – an der New York University Filmproduktion studiert. Seit Mitte der 1960er-Jahre arbeitet er als Architekt und Fotograf in Personalunion. Zu Grunwalds architektonischen Projekten gehört die Restaurierung historischer Denkmäler wie Schloss Neudrossenfeld oder der Anna Amalia Bibliothek. Fotografische Reportagen entstanden u.a. für die Zeitung East Manhattan, für das Archiv für Kunst und Geschichte sowie für den Ullstein Bilderdienst.

Neben experimentellen Serien liegt ein besonderer Fokus Grunwalds auf den Spuren der Urbanität, auf seiner Serie MENSCHENBLICKE oder in situativen Alltagsmomenten, die im Blick des Fotografen ihre mal heiteren, mal nachdenklichen Eigenarten entfalten. So in den MARKIERUNGEN von Straßen, deren Lineatur von einem Panzerrohr gedoppelt oder von einem weiß bestrumpften Frauenbein flankiert wird, oder in Autowracks auf Wüstenpisten, inmitten oder an den Rändern der Sahara. Walther Grunwald findet ebenso skurrile wie melancholische Zeichen und entlockt dem Zivilisationsschrott skulpturale Qualitäten.

Am Ende eines schnurgeraden Weges ragt ein metallenes Gerippe wie ein stummer Grenzposten auf. Ein um 180° gedrehter PKW erinnert an die Riesenspinnen von Louise Bourgeois und somewhere in the middle of nowhere lädt der Schriftzug auf den Rudimenten eines Baggers ins Café du Triangle ein.

Walther Grunwalds Fundstücke der Serie VERSANDET – aufgenommen 1989 in den Wüstenregionen von Mali, Algerien und Burkina Faso -, schaufeln mit der Kamera den Sand im Getriebe gleichermaßen des Fortschritts und der Natur frei.

Wenngleich Walther Grunwald im Sinne einer dokumentarischen Fotografie arbeitet und auf die nachträgliche Bearbeitung der Bilder verzichtet, bleibt ein Zweifel, den er in der gezielt eingesetzten Bildunschärfe unterstreicht, ja geradezu feiert. AM RANDE DER STILLE entsteht eine künstlerische Fotografie, deren Wurzeln im Dokumentarischen spürbar bleiben. Wo ist sie, diese Stille, deren Randzonen Walther Grunwald in den zwischen 2004 und 2008 entstandenen Schwarzweißfotografien auslotet?

Die konkreten Orte und ihre topographische Realität bleiben für den Betrachter nur vage erahnbar; die Motive treten zurück und verweigern sich einer dokumentarischen Gewissheit. Das Bild entledigt sich seines konkreten Ortes und entfaltet am Rande der Stille ein Zwischenreich, aus dessen Weiten und dessen tiefem Schweigen neue Räume, neue Gedanken-Landschaften entstehen.

In dem Maße, wie Walther Grunwald die Orte und Landschaften in seinen Fotografien entrückt, in dem Maße schärfen sie unsere Wahrnehmung. Denn das Ideal gerät nicht zur diffusen Sehnsucht oder Verklärung, und das Zweifeln wird zur menschlichen Tugend, indem es „gegen das Irren angeht“ (Ernst Bloch). Das Bild wird somit zum Ereignis einer Gegenwart, deren Wahrheit in der neu projizierten Wirklichkeit zu suchen ist.

Ein Sonnenaufgang im Gegenlicht, eine Megalithgrabstätte in der Bretagne, der Campanile von San Marco oder die Skyline von Manhattan werfen gleichsam ihre Schatten in melancholischer Bescheidenheit. Der Genius loci schweigt still. Auf welcher Seite des Grenzraumes stehen wir also? Außerhalb oder innerhalb der Stille? Antworten auf die Fragen, die Walther Grunwalds poetischer Blick provoziert, kann der Betrachter nur für sich finden.

Walther Grunwald VERSANDET | Schwarzweißfotografien aus der Sahara | Ausstellung 2016

Autowracks auf Wüstenpisten, inmitten oder an den Rändern der Sahara. Walther Grunwalds fotografischer Blick findet ebenso skurrile wie melancholische Zeichen, entlockt dem Zivilisationsschrott skulpturale Qualitäten. Am Ende eines schnurgeraden Weges ragt ein metallenes Gerippe wie ein stummer Grenzposten auf. Ein um 180° gedrehter PKW erinnert an die Riesenspinnen von Louise Bourgeois und somewhere in the middle of nowhere lädt der Schriftzug auf den Rudimenten eines Baggers ins Café du Triangle ein. Walther Grunwalds Fundstücke der Serie “versandet” – aufgenommen 1989 in den Wüstenregionen von Mali, Algerien und Burkina Faso -, schaufeln mit der Kamera den Sand im Getriebe gleichermaßen des Fortschritts und der Natur frei.

Noch während seines Architektur-Studiums an der Technischen Universität Berlin hat Walther Grunwald die Leica-Schule in Berlin besucht und anschließend – neben der Tätigkeit als Architekt – an der New York University Filmproduktion studiert. Seit Mitte der 1960er-Jahre arbeitet der 1938 in Thüringen Geborene als Architekt und Fotograf in Personalunion. Zu Grunwalds architektonischen Projekten gehört die Restaurierung historischer Denkmäler wie Schloss Neudrossenfeld oder der Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Fotografische Reportagen entstanden u.a. für die Zeitung East Manhattan, für das Archiv für Kunst und Geschichte (AKG) sowie für den Ullstein Bilderdienst.

Neben experimentellen Serien wie “Am Rande der Stille” liegt ein besonderer Fokus Grunwalds auf den Spuren der Urbanität sowie auf der Serie “Menschenblicke”. Situative Alltagsmomente, die im Blick des Fotografen ihre mal heiteren, mal nachdenklichen Eigenarten entfalten: so in den “Markierungen” von Straßen, deren Lineatur von einem Panzerrohr gedoppelt oder von einem weiß bestrumpften Frauenbein flankiert wird.

Walther Grunwald ABSCHIED ENTGLEITEND
Von Thomas Flügge

Bei Walther Grunwalds Fotos, die er zur Werkgruppe »Abschied entgleitend« zusammengestellt hat, kann zunächst einmal auffallen, wie bewusst er die Möglichkeiten einsetzt, die sich beim Abziehen der jeweils aufgenommenen Bilder zwischen deutlicher Hervorhebung einerseits, Verwischung andererseits, ergeben. Er nutzt die Mittel, die die Schwarz-Weiß-Fotografie bietet und deren Möglichkeiten der Betrachter von vielen Aufnahmen her vielleicht schon zu kennen schien, auf ganz eigene, unter Umständen sogar verstörende Weise.

So zeigt uns Grunwald im Vordergrund einer seiner Aufnahmen einen unverkennbar städtischen Platz mit Bäumen, der seltsam verlassen im Dunkeln liegt und sich dabei deutlich umrissen aus einer Umgebung abhebt, die in Grautönen verschwimmt. Abgegrenzt ist dieser überschaubare Platz gegen einen nicht einschätzbaren Hintergrund durch ein lang hingezogenes Geländer, das nebelhaft schimmernd zwar noch klar zu erkennen ist, sich aber dennoch einer gesicherten Wahrnehmung fast schon zu entziehen scheint.

Grunwald stellt immer wieder zwei, drei oder vier seiner Aufnahmen aufeinander abgestimmt zu kleinen Bilderfolgen zusammen und wandelt damit in der Ausstellung sein Thema: »Abschied entgleitend« in verschiedenen Zusammenhängen ab.

So sehen wir einen nach heutigen Vorstellungen frisch gepflasterten Platz, scharf umrissen sind offene Pflanzlöcher für Bäume in ihn eingelassen, der Ort sollte wohl dazu einladen, sich auf ihn verweilend oder schlendernd zu ergehen, tatsächlich wirkte er verloren. Ein anschließendes Bild zeigt, verwischt (wie aus einem fahrenden Auto aufgenommen) eine wuchtige Hausfassade, die einer Durchfahrtsstraße ausgesetzt ist, mit toten Fenstern gesichts- und auch geschichtslos, weder heutig noch historisch wirkt. Ein drittes Bild zeigt uns in unvermitteltem Gegensatz zum Vorangegangenen einen Laubengang, der in eine Parklandschaft führt und wohl in früher Morgenstunde aufgenommen ist, nüchternem Alltag oder Feierabendbetrieb entzogen, eher in eine Traumwelt führend. Der Zugang zu dieser wird von zwei steinernen Sphinxen bewacht, in dunklem Blätterwald um ihn herum blinkt ein geheimnisvoller Lichtpunkt auf. Ein letztes Bild in dieser Reihe zeigt die Marmorgestalt nach Art einer antiken Göttin, eine schöne, wenn auch steinerne – Frau in voller Größe, dem Betrachter fast noch zugewandt, sich dennoch von diesem abkehrend.

In einer anderen Zusammenstellung sehen wir erstens einen Kahn, der über offenes Wasser gleitet, dann einen Weg, der eine Umwelt erschließt, die von Anwohnern bezogen und bestückt ist, ohne dass das übermäßig herausgestrichen wird, und drittens eine Landschaft, die in Feld und Wald offen scheint, durch keine Straßen oder andere Bauwerke zerschnitten oder verstellt. –Abschied über Wasser, die fest erschlossene Welt ist entglitten, Landschaft bleibt, wo aber der Kahn überm Ungewissen landen wird, bleibt für den Betrachter offen. Grunwald arbeitet assoziativ, aber keineswegs streng chronologisch. Die Reihenfolge seiner Aufnahmen zwischen Anfang und Ende ist nicht streng festzulegen.

Die Fotos bilden bis hin zum Reihenhaus in einer heutigen Vorstadtsiedlung alltägliche Erfahrungen ab, aber wir werden auch Gestalten und Eindrücken ausgesetzt, die in einer zunächst vertraut erscheinenden Umgebung nicht aufgehen, sie können Erinnerungen wachrufen, die scheinbar unausweichlich Vorgegebenes noch einmal ins Ungewisse rücken.

Jeder Betrachter kann sich durch Grunwalds Bilderwelt herausfordern lassen, sich seiner Geschichte, bei allen Verletzungen, die sie ihm zugefügt haben mag, in allen Verlusten, noch einmal zu stellen, um sich dann seiner Gegenwart, seinen Möglichkeiten, bewusster zuwenden zu können.

Biographie

1938 geboren
1960/61 Leica-Schule Berlin
seit 1964 Fotos für Fotoagentur Ullstein
1965/66 Studium der Filmproduktion an der New York University
ab 1966 Vertrieb von fünf Filmen bei Film Makers Cooperative New York, NY
1992-97 Fotos für AKG, Archiv für Kunst und Geschichte,
Felsmalerei in Algerien, Mali, Libyen
Walther Grunwald lebt und arbeitet in Berlin.

Ausstellungen (Auswahl)

1969 Galerie St. Mark’s Place (EA)
1981 Wannsee-Galerie, “Quer über die Blöße” 20 Jahre Berliner Mauer,
mit Gedichten von Ingeborg Drewitz (EA)
1999 Galerie Greenhouse Garrison, New York (EA)
2002 Atelier Helmut Metzner (EA)
2004 Galerie Mönch Berlin (EA, mit Rainer Maria Schopp)
2005 Galerie Pernkopf, Berlin (EA)
2008 “Am Rande der Stille”, Galerie Mönch Berlin, im Rahmen des 3. Europäischen Monats der Fotografie Berlin Berlin
(EA, K und Film “To America with love” Teil I u. II)
2009 “1989 Mauer 2009”, Galerie Mönch Berlin (EA)
2011 Galerie M, Monpazier, Frankreich (EA, mit Mary Grunwald)
2012 “Menschenblicke”, Kabinettausstellung Galerie Mönch Berlin (EA)
2013 Accrochage, Galerie Mönch Berlin
2014 Kabinettausstellung, Galerie Mönch Berlin
2015 Galerie Fett 6, Hamburg; Fotografien und Film
“To America with love” Teil I u. II
(EA, mit Christoph Müller-Stüler)
“Dreams and Projects. The first 100 years” Architecture, design, photography,
Berlin / New York; Galerie Garrison, New York (EA, mit Robert Rhodes)

Sammlung

Museum für Islamische Kunst, Berlin

Architekt

1958-64 Studium der Architektur, Stadtplanung, Landschaftsgestaltung, Deutschsprachige Literatur, Englisch, Geologie an der Technischen Universität Berlin
1965-67 Arbeit in verschiedenen Architekturbüros in New York
1968-70 Arbeit als Entwurfsarchitekt und Stadtplaner bei Philip Johnson, New York
1970-71 Foreign expert für UNDP, Stadt-und Siedlungsplanung in Karachi, Pakistan
seit 1973 eigenes Architekturbüro, spezialisiert auf Denkmalpflege, Sanierungen und Umnutzungen von denkmalgeschützten Gebäuden u.a. in Cuers, Var, Südfrankreich; Monte Rozzo, Toskana; Buchau, Peesten, Thurnau, Oberfranken; Schönfeld, Hessen; Schönfeld, Sachsen-Anhalt; Weimar, Erfurt, Zeulenroda, Thüringen; Berlin
1998 Thüringer Denkmalspreis
1999 Land Art “Zeitschneise” KZ Buchenwald – Schloß Ettersburg
2000-05 Partnerschaft Architekturbüro Grunwald + Burmeister Berlin Weimar