Ulrike Laubers URBANE RANDZONEN
Von Michaela Nolte

Ulrike Lauber ist Architektin. Der Blick in die Vita verrät allerdings, dass die Fotografie sie schon beschäftigte, bevor sie überhaupt das Studium der Architektur aufgenommen hatte. Seither ist die Fotografie Wegbegleiter, wurde das erste selbst verdiente Geld in eine Kamera investiert. Nur das eigentlich Naheliegende, die Architektur-Fotografie, ist Laubers Sache nicht.

Wenn die Fotografien etwas von der Profession verraten, so, weil sie eine formale Strenge auszeichnet, die auch der architektonischen Auffassung und den Bauten von Ulrike Lauber eigen ist. Bei ihren Streifzügen mit der Kamera entdeckt sie Linien und Formen im Amorphen oder im scheinbar Nebensächlichen, die ihren Fotografien die eigenwillige Spannung verleihen. Ein Beispiel für die kompositorische Funktion von Linie, Fläche und Farbe ist die Serie „Israel 2008“. Sie folgt einerseits dem klaren Rhythmus der Gestalt gebenden Elemente und steigert andererseits das im Wind sich wölbende Netz zu haptisch anmutender Stofflichkeit.

Ein weiterer Link der Personalunion von Architektin und Fotografin mögen die typischen Bau-Stoffe sein, die wiederholt als Motiv auftauchen. Doch die Art und Weise, in der Ulrike Lauber Eisenmodule in „Luino 2006“ oder Gerüststangen in „New York 2008“ fokussiert, entlockt den ästhetisch banalen Materialien eine so poetische Verwandlung, dass ihre eigentliche Bestimmung in den Hintergrund tritt, oftmals kaum noch erkennbar ist. Die im Mikrokosmos der Urbanität akribisch gesichteten Strukturen, verleihen dem realen Gegenstand ein abstraktes und autonomes Eigenleben.

Die gestapelten Holzbretter, aufgenommen auf den „Wiesn 2004“, lassen an die Streifenbilder Barnett Newmans denken. Gleichsam eröffnen sie in den Zwischenräumen von Farbresten, Spänen und Gebrauchsspuren Geschichten, an denen sich unsere Phantasie entfachen kann. Andere nehmen sich aus wie zu geometrischen Abstraktionen gewordene Alltagsformationen, erinnern an Piet Mondrian oder vergegenwärtigen in den zarten, schwarzweißen Lineaturen von „Venedig 2008“ die schwarzen Bilder des Spätwerks von Agnes Martin.

Wenn die Fotografien von Ulrike Lauber Gedanken an Bildwerke der Kunstgeschichte hervorrufen oder bisweilen malerisch anmuten, geht es dennoch nicht um eine Malerei mit der Kamera. Im Zentrum steht das Wesen der Dinge selbst, das Zwischendasein, das sie in ihrer Materialität entfalten. In den Winkeln einer Baustelle, im Gegenlicht eines Scheunentors, an Straßenecken oder in der Oberfläche eines Schalbretts findet Ulrike Lauber das ihnen innewohnende Geheimnis.

Ulrike Lauber fotografiert die Dingwelt so, wie sie sie sieht. Die Bilder entstehen analog und als vollformatige Aufnahmen, die weder im Labor noch digital nachbearbeitet werden. In diesem Sinne stehen die Fotografien in der Tradition der Straight Photography, und sie verknüpfen Poesie mit einem dokumentarischen Ansatz. Das Detail ist nicht der Ausschnitt, sondern das Exzerpt des Sehens.

Den Vorhang, der während der Documenta 12 im gläsernen Aue-Pavillon die Kunstwerke vor dem Tageslicht schützte, transformieren die Aufnahmen mit großer Einfachheit und Klarheit

zu luziden Texturen. Das Gewebe, das einst funktional und schlicht verhüllte, gibt plötzlich Einblicke in eine verborgene Welt. Im Untergrund oszillieren die Formen, Diagonalen und Senkrechten und behaupten mit tänzerischer Leichtigkeit ihre eigenen Strukturen.

Das Spiel mit der Phänomenologie des Realen und mit unserer Wahrnehmung kulminiert in „Venedig 2006“. Im ersten Moment glauben wir eine Landschaft zu entdecken – mit Eisbergen und Findlingen vielleicht. Auf der diesjährigen Venedig-Biennale gab es Künstlerpostkarten, auf denen die Lagunenstadt mit allen möglichen und unmöglichen Orten dieser Welt kombiniert wurde (auch mit der Arktis). Ulrike Laubers Venedig-Fotografie hätte in diese vergnügliche Serie gepasst – nur ist sie wirklich in Venedig aufgenommen.

Biographie:

1955 geboren in Biedenkopf, Hessen
seit 1972 fotografische Arbeiten
1973-79 Studium der Architektur an der Technischen Universität Berlin
1980-86 Mitarbeit in Berliner Architektur-Büros
1986-90 Mitarbeit im Büro Richard Meier, New York, seit 1987 als Associate Partner und Projektleiterin
seit 1990 selbständige Architektin in München
seit 1999 Professur für Entwerfen und Städtebau an der Beuth Hochschule für Technik,Berlin
seit 2006 lauber + zottmann architekten, München
Ulrike Lauber lebt und arbeitet in Berlin und München

Ausstellungen (Auswahl)

2017 40 Jahre Galerie Mönch Berlin | Part V | (November/Dezember)
2017 Sandkasten, München
2015 Accrochage, Galerie Mönch Berlin
2014 Kabinettausstellung, Galerie Mönch Berlin
2012 Andalusien, Liverpool, New York, Papua. Fotogeschichten, Galerie Mönch Berlin (EA / K)
Spuren, Schmarsau / Lemgo
2011 Accrochage, Galerie Mönch Berlin
Sandkasten, München
2010 Raumbilder Bildräume – 13 Architekten fotografieren, Stuttgart und Meilenwerk, Düsseldorf
Kabinettausstellung, Galerie Mönch Berlin
NAK Architekten, Berlin
2009 Raumbilder Bildräume – 13 Architekten fotografieren, whiteBox, München
Ulrike Lauber. Fotografie, Galerie Mönch Berlin
Nemetschekhaus, München (EA)
2008 Ulrike Lauber. Themen und Variationen, whiteBox, München (EA / K)